Die Geburt der Republik mit Jubel, roten Fahnen und zwei Toten

28.12.2018

Entgegen der aktuellen Feierstimmung endete der Tag der Ausrufung der Republik vor hundert Jahren in Tumulten und mit Todesopfern.

Jubel, Trauer, Ungewissheit und ambivalente Gefühle. So etwa könnte man die Gemütslage der Österreicher vor exakt hundert Jahren beschreiben, an dem grauen Novembertag, als die „Republik Deutschösterreich“ ausgerufen wurde. Heute dominieren Feierstunden, Festakte und das dazugehörige Pathos die Gedenkveranstaltungen. Damals lief die Sache nicht ganz so rund, die Feierstimmung kippte bald in Chaos und Gewalt.

Wir kennen von diesem Tag vor allem die schwarz-weiß-Fotos der jubelnden Menge vor dem Parlamentsgebäude in Wien. Betrachtet man die Aufnahmen genauer, sieht man eine Menge ausgemergelter Gestalten, Männer in zerlumpten Soldatenkleidern, hohlwangige Frauen, so gut es ging zurechtgemacht. Einige Abordnungen tragen Transparente: „Hoch die Republik“, oder „Hoch die sozialistische Republik“, prominent auf der Rampe der Menge präsentiert, oder „Es lebe die sozialistische Weltrevolution“. Besonders interessant ist ein Ölgemälde des Genremalers Rudolf Konopa, der an der Front als Kriegsmaler tätig gewesen war, und diesen denkwürdigen 12. November festhielt. Das Bild ist in Besitz des Wien Museums. In der farbigen Darstellung sticht ein Meer von roten Fahnen hervor, nur auf den offiziellen Fahnenmasten wehen rot-weiß-rote Fahnen. Wie wir aus Berichten wissen, rissen kommunistische Rotgardisten diese dann herunter und entfernten den weißen Streifen, um die roten Fetzen wieder aufzuziehen. Es gab Schüsse, Verletzte. Einige stürmten das Parlamentsgebäude, es kam zu Tumulten, zwei Menschen wurden totgetrampelt. Die ersten Todesopfer der jungen Republik, der noch viele weitere folgen sollten.

All dies macht deutlich, wie unterschiedlich die Vorstellungen von der Zukunft des Landes waren: Die einen waren im Schockzustand über das Ende der Monarchie. Die anderen wollten ein Zusammengehen mit Deutschland, weil sie nicht an die Existenzfähigkeit des amputierten Staates glaubten. Wieder andere wollten eine Revolution nach sowjetischem Vorbild. Der „Revolution  von oben“ folgte glücklicherweise keine „Revolution von unten“, die extremistischen Elemente konnten sich nicht durchsetzen.

„Deutschösterreich“ war eine Hilfskonstruktion, wie der Name schon ausdrückt, ein Provisorium und nicht ein ersehntes Ziel. Zusätzlich dämpften Hunger, tödliche Epidemien, Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit die Zukunftshoffnungen der Menschen. Die Auffassungen, wie es mit diesem Land weitergehen sollte, blieben höchst unterschiedlich. Im Jahr 1933 fand die Demokratie ihr Ende und kurz danach, 1938, wurde Österreich von der Landkarte gelöscht. Es brauchte einen weiteren Weltkrieg und einen weiteren Anlauf zu einer Wiedererstehung.

Die unterschiedlichen Auffassungen, wie Österreich gestaltet werden soll, gehen auch heute immer wieder auseinander. Es beschleicht einen ab und zu das Gefühl, dass die Schwierigkeiten mit einem positiven Österreich-Bewusstsein und die Auseinandersetzungen der ersten Jahre noch nachhallen. Es fällt etlichen – bei aller notwendigen kritischen Selbstreflexion – noch immer schwer, stolz auf dieses Land zu sein. Ja es ist in manchen Kreisen sogar verpönt, ein positives Bekenntnis zu Österreich abzulegen. Das wird etwa bei der kürzlich eröffneten Sonderausstellung in der Neuen Burg deutlich (die als „Haus der Geschichte“ zu bezeichnen unpassend erscheint). Und das zeigt sich aktuell auch wieder an den Demonstrationen „gegen die Regierung“, deren Teilnehmer einen demokratischen Volksentscheid in quasi-revolutionärer Aufwallung einfach nicht akzeptieren wollen. Es ist eigentlich das Wesen einer Demokratie, dass es immer wieder Machtwechsel gibt und sie für einen Interessenausgleich zu sorgen hat. Kritisiert werden nicht einzelne Maßnahmen, wie dies in einer Demokratie üblich und auch völlig gerechtfertigt ist, sondern man fordert den Rücktritt jener, die nicht dem eigenen weltanschaulichen Lager angehören. Österreich besteht nun – mit Unterbrechungen – zwar schon seit 100 Jahren als Republik, wirklich erwachsen sind aber noch nicht alle geworden.