Die blinden Flecken der Geschichte - Österreich 1927-1938

Erscheinungsdatum: März 2017
ISBN: 978-3-218-01063-4
Illustrator: Sophie Gudenus
Erscheint bei: Kremayr & Scheriau
Preis: EUR 22,90

Inhalt

1.Blutiger Auftakt : Schattendorf und das Gemetzel vom Juli 1927

2. Der Februar 1934: Arbeiteraufstand, Bürgerkrieg oder Putschversuch?

3. „Ständestaat“ oder „Austrofaschismus“?

4. Der „Anschluss“: War Österreich Opfer oder Täter?

5. Gedenkkultur und die Instrumentalisierung der Geschichte

 

Vorwort

Seinen „blinden Fleck“ zu entdecken, ist medizinisch betrachtet eine recht einfache Übung: Man schließt das linke Auge, blickt in eine bestimmte Richtung, und plötzlich verschwindet ein Bereich aus seinem Sichtfeld. Mit dem rechten Auge funktioniert das genauso. Es gibt diese „blinden Flecken“ im übertragenen Sinn aber auch bei der Wahrnehmung seiner Umgebung, der aktuellen oder der historischen Ereignisse. Ein Auge wird verschlossen, wegen einer bestimmten persönlichen Einstellung, einer Ideologie, aus Ablehnung, Hass oder Ignoranz; Gleichgültig, aus welchem Grund man dies tut, einzelne Bereiche werden dabei nicht gesehen oder die Wahrnehmung wird beeinträchtigt. Diese „blinden Flecken“ in der heute noch umstrittensten Phase der österreichischen Zeitgeschichte, der Zwischenkriegszeit, habe ich eingehend untersucht.

Ein Buch über Österreich in den Jahren 1927 bis 1938 zu schreiben, ist ein heikles Unterfangen. Handelt es sich doch um eine Zeit, in der Österreicher aufeinander schossen, Diktaturen errichtet und politisch Andersdenkende verfolgt wurden. Es ist eine Zeit, über deren Persönlichkeiten und Ereignisse keine Einigkeit herrscht; eine Zeit, die eine ideologische Kampfzone ist; eine Zeit, die immer wieder Gegenstand heftiger Kontroversen in Politik, Gesellschaft, Medien und innerhalb der Historikerzunft ist. Es existieren unterschiedliche Geschichtsbilder über diese Zeit, die recht genau entlang der ideologischen Trennlinien verlaufen: Sozialdemokraten, Christlichsoziale und Deutschnationale. Begriffe wie „Schattendorf“, „Justizpalastbrand“,  „Februarkämpfe“, „Ständestaat“, „Austrofaschismus“ oder „Anschluss“ rufen völlig unterschiedliche Bilder und Assoziationen auf. Doch so umstritten diese Ereignisse auch sind, die jeweiligen Bilder sind dennoch erstaunlich konstant. Es scheint, als ob man diese Bilder, die teilweise zu Mythen stilisiert wurden, nicht aufgeben will, selbst wenn mittlerweile Fakten vorliegen, die diese verändern oder gar zerstören.

Es herrscht heute in der Zeitgeschichte eine Tendenz vor, Geschichtsschreibung als eine Art Tribunal über die Protagonisten der Vergangenheit zu betrachten und diese mit heutigen (moralischen) Maßstäben und Erfahrungen zu be- oder gar zu verurteilen. Dadurch setzen sich jene, die sich dieser Art von Geschichtswissenschaft nicht unterwerfen, sondern Personen und Ereignisse rein aus dem historischen Kontext heraus und bewusst nicht wertend beschreiben, der Gefahr aus, selbst zu Objekten des Tribunals werden. Trotzdem, ja umso mehr ist es notwendig, heikle Punkte in unserer Geschichte ambivalent darzustellen, Widersprüche zuzulassen oder diese herauszuarbeiten. Denn wie bei jedem Menschen gibt es in der Geschichte und deren handelnden Persönlichkeiten nicht nur Gutes oder Böses, sondern fast immer ein Sowohl-als-Auch.

Ich habe mich darauf konzentriert, Fragen neu zu stellen, vermeintlich Bekanntes zu hinterfragen, Zahlen, Fakten und Quellen zu analysieren, Thesen und Gegenthesen zu studieren, all dies zu überprüfen, um erst dann zu einer Schlussfolgerung zu gelangen. Im Anschluss daran habe ich mich bemüht, die unterschiedlichen Sichtweisen herauszuarbeiten und einander gegenüber zu stellen, damit der Leser sich selbst sein Bild machen kann. So wird auch deutlich, dass jede Seite ihre eigene „Wahrheit“ hat.

Die bisher vorherrschenden divergierenden Geschichtsbilder könnten bald ihre reale Abbildung erfahren: 2017 und 2019 werden in Österreich voraussichtlich zwei „Häuser der Geschichte“ eröffnet. Keines der „Lager“ wird es dem anderen überlassen, allein das Geschichtsbild zu prägen. Im Zuge des deutschen Historikerstreits meinte der konservative Historiker Michael Stürmer, „dass in geschichtslosem Land die Zukunft gewinnt, wer die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet“. [1] Um diese Deutungshoheit scheint es dabei (auch) zu gehen. Ich habe bewusst die besonders umstrittenen Punkte der österreichischen Zeitgeschichte herausgegriffen, über die auch im Zuge der Diskussion um das „Haus der Geschichte“ keine Einigkeit erzielt werden konnte; Reizworte, die in Politik und Öffentlichkeit regelmäßig zu heftigen Kontroversen führen. Diese Themen spielen auch bei der Diskussion rund um das 100-Jahr-Jubiläum der Gründung der Republik und das „Haus der Geschichte“ in Wien eine zentrale Rolle und sind damit hoch aktuell.

Das vorliegende Buch, Ergebnis einer fünfzehnjährigen Forschungsarbeit, bietet über eine Analyse der unterschiedlichen Interpretationen von Ereignissen hinaus neue oder bisher unbeachtet gebliebene Fakten. In manchen Fällen, wie etwa beim Schattendorfer Prozess oder beim Februaraufstand folgt daraus eine völlig andere Erzählung, als es bisher der Fall war. Dies wurde auch möglich, weil ich neues und bisher unveröffentlicht gebliebenes Material einarbeiten konnte. Bei manchen Problemstellungen war eine interdisziplinäre Vorgangsweise sinnvoll, etwa durch die Zusammenarbeit mit namhaften Juristen. Aufgrund der Fülle an Material war es nicht möglich, alle relevante Literatur zu berücksichtigen und aufzulisten. Da der Umfang des Textes stark begrenzt ist, war eine Auswahl notwendig. Ziel war es nicht, eine lückenlose Geschichte dieser Jahre zu erzählen, sondern den Scheinwerfer auf einzelne, entscheidende Ereignisse zu richten und bei diesen mehr in die Tiefe zu gehen. Wichtig dabei war mir, möglichst viele Originalzitate und Quellen zu präsentieren, um ein ungefiltertes, möglichst authentisches Bild jener dramatischen Zeit zu zeichnen. Dies bildet die Grundlage des Aufspürens und Reflektierens von „blinden Flecken“, Verfälschungen, Auslassungen und Manipulationen in der Darstellung sowie Missbräuchen jener historischen Ereignisse.

Ernst Hanisch, ein Doyen der österreichischen Geschichtsforschung, meint: „Bei aller Entschiedenheit der Analyse, bei allem Bemühen um klare Urteile: der Historiker muss sich der Widersprüchlichkeit und der Ambivalenz der historischen Realität stets bewusst sein.“[2] Darum habe ich mich bei dem gewählten Thema bemüht. Ich verstehe dieses Buch auch nicht als die abschließende, allerletzte Wahrheit, sondern als Diskussionsgrundlage, die sich neue Einsichten, aber auch Widersprüche erhofft.

 

Gudula Walterskirchen                                                                                               Jänner 2017



[1] Michael Stürmer: „Geschichte im geschichtslosen Land“, FAZ , 25. 4. 1986.

[2] Ernst Hanisch, Der lange Schatten des Staates. Wien 1994, S 9.

 

 

 Rezensionen

 

"Die Furche" (Rudolf Mitlöhner)

  "Der Autorin ist bewusst, dass sie sich auf vermintes Gelände begibt. Kaum ein zeitgeschichtliches Thema ist in Österreich so sehr ideologisch aufgeladen wie die Zwischenkriegszeit. [...] Gleich eingangs zitiert Gudula Walterskirchen den deutschen Historiker Michael Stürmer: "dass in geschichtslosem Land die Zukunft gewinnt, wer die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet". Das wurde zwar bereits 1986 geschrieben, gilt aber unvermindert - und es gilt gerade auch für die österreichische polithistorische Debatte. Es geht um Deutungshoheit  - und sie verliert nicht durch zeitliche Entfernung vom Geschehen an Relevanz und auch nicht durch schwindendes historisches Wissen bzw. Bewusstsein, eher im Gegenteil. Diese Deutungshoheit beansprucht hierzulande freilich seit jeher mit einigem Erfolg die Linke. [...] In diesem Zusammenhang ist eine Erkenntnis, die Walterskirchen in ihrem Buch präsentiert, von besonderem Interesse: "dass die Nationalsozialisten von Deutschland aus die Unruhen im Februar 1934 nicht nur ausnützen wollten, um zu intervenieren, sondern diese aktiv durch Agent provocateurs herbeiführten". Der sozialdemokratische Schutzbund sei "von Nationalsozialisten unterwandert und instrumentalisiert", somit "eine Manipulation des Schutzbundes zum Zwecke eines NS-gelenkten Putsches leicht möglich, ja sogar naheliegend" gewesen, so die Autorin. Die hier erstmals in dieser Weise dargestellte Rolle der Nazis bei den Februarkämpfen wirft jedenfalls ein neues LIcht auf dieses düstere Kapitel österreichischer Zeitgeschichte. [....] Fehl geht indes, wer meint, die Historikerin Walterskirchen drehe gewissermaßen den Spieß um und stelle undifferenziert die Sozialdemokratie an den Pranger. Davon kann keine Rede sein. Mehrfach betont sie, dass es keine abschließende Beurteilung der Geschichte geben könne, dass niemand ein Monopol auf Deutungshoheit beanspruchen dürfe. [...] Was Gudula Walterskirchen jedoch mit diesem Buch - einmal mehr - unternimmt, ist das lobenswerte Unterfangen, die herrschenden Einseitigkeiten des immer wieder parteipolitisch instrumentalisierten Diskurses aufzubrechen und Schattierungen anzubringen, welche die nach wie vor dominierende Schwarz-Weiß-Zeichnung unterlaufen. Dass die (Austro-)Faschismuskeule bei Bedarf wieder geschwungen werden wird, dürfte sich dennoch nicht vermeiden lassen."

 

"Der Standard" (Conrad Seidl)
"Es gilt als ausgemacht, dass die Schüsse von Schattendorf quasi die Urkatastrophe der Ersten Republik waren - mit dem folgenden Prozess, den Freisprüchen, den Krawallen beim Jusitzpalast, den erschossenen Arbeitern quasi die Vorstufe zu Dollfuß-. Schuschnigg- und Hitlerdiktatur. Die konservative Publizistin Gudula Walterskirchen greift dieses Muster auf, seziert all die Vorgänge und versucht, die weniger bekannten Aspekte in den Vordergrund zu rücken. [...] Auch den Februaraufstand von 1934 beleuchtet Walterskirchen anders als gewohnt: Sie hat Belege gesammelt, die beweisen sollen, dass der Schutzbund zumindest teilweise von Nazis unterwandert war. Und sie argumentiert gegen die Heroisierung der Februarkämpfer, die spästens seit der Ausstellung Die Kälte des Februar von 1984 üblich geworden ist. Walterskirchen: "Die Schutzbündler kämpften auch nicht für die Wiedererrichtung der Demokratie, sondern wollten selbst die Macht übernehmen und eine ,sozialistische Diktatur' errichten. Damit riskierten sie, ohne dass ihnen allen dies bewusst war, dem nationalsozialistischen Deutschland den Anlass zum bereits geplanten Eingreifen und zur Machtübernahme in Österreich zu bieten."
 
Vor-Magazin (Mareike Boysen)
"Mut zu Ambivalenzen. Die Planung zweier "Häuser der Geschichte" in Wien und St. Pölten zeigt laut Gudula Walterskirchen unvereinbare Deutungen schwieriger Phasen der österreichischen Vergangenheit. Die Historikerin hat die Jahre 1927 bis 1938 untersucht und hält sich von pauschalen Schuldzuweisungen fern."