Der Fall der Hagia Sophia ist ein deutliches Warnsignal für den Westen

12.10.2020

Erdogans jüngste Provokation wird Auswirkungen auch auf das Zusammenleben in Österreich haben. Das sollte nicht relativiert werden.

Nun hat er es also wirklich umgesetzt, was schon länger angekündigt war und von Islamisten gefordert wurde: Die Hagia Sophia, die ehemals größte Kirche der Christenheit, wird zur Moschee. So wie 1934 Kemal Atatürk bewusst einen politischen Akt setzte, als er die Hagia Sophia in ein Museum umwandelte, so ist auch die Entscheidung des türkischen Präsidenten, sie zur Moschee zu machen, ein bewusster politischer Akt. Er ist ein Musterbeispiel des politischen Islam. 

Die Reaktionen variierten von Zustimmung über leise Kritik bis zu wütenden Protesten. Papst Franziskus sprach von einem „Schmerz“, die Orthodoxie von einem „Schlag ins Gesicht“ und Vertreter des Islam begrüßten die Entscheidung. 

Man sollte dem Provokateur Erdogan, der sich gerne als starker Mann gegen den Westen darstellt, um sich dann nach Protesten als Opfer zu stilisieren, nicht den Gefallen machen, nun pauschal gegen den Islam oder Muslime zu wettern. Allerdings kann man auch nicht aus lauter Rücksicht auf den interreligiösen Dialog einfach zur Tagesordnung übergehen. Denn die Umwandlung der Hagia Sophia zur Moschee ist nicht bloß das Werk eines Einzelnen, der in seinem Größenwahn wieder einmal den Sultan spielt. Schließlich arbeitet er ja laut eigener Diktion an der Wiedererrichtung des Osmanischen Reiches, und das sind nicht nur leere Worte. Erdogan hat diesen Akt vor allem gesetzt, weil er sich der Zustimmung eines großen Teiles seiner Bürger gewiss sein kann. Die Hagia Sophia als Großmoschee im Herzen Istanbuls soll ein Zeichen des Hegemonieanspruchs sein, nämlich über den Westen und das Christentum. 

Seine treuesten Anhänger hat der Präsident mittlerweile im Ausland, auch in Österreich. Und das ist ein Problem. Der Präsident der „Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich“ begrüßte ausdrücklich die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee. Sie sei nun wieder ein Ort des Gebets. Die Frage ist allerdings, für wen. Denn dass sie auch als Kirche benutzt werden darf, ist auszuschließen. So beeilte sich er zu betonen, wie schön es wäre, würde eine gemeinsame Nutzung möglich sein, um Konflikte und Ausgrenzung zu vermeiden. Dass Erdogan Christen ausgrenzt, scheint also auch ihm klar zu sein. 

Die Hagia Sophia ist kein einzelner unfreundlicher Akt gegen das Christentum, sondern reiht sich ein in eine Systematik, die immer dramatischer wird. In beinahe jedem islamischen Land werden heute Christen und christliche Gemeinden schikaniert, in ihrer Religionsausübung unterdrückt, verfolgt, ermordet, Kirchen geschlossen oder niedergebrannt. Als Geistlicher oder Diakon in einem islamisch dominierten Land zu wirken, grenzt heute an Märtyrertum. Die Christen sind weltweit die am meisten verfolgte Glaubensgemeinschaft, das negieren wir in Europa nur zu gerne. Es sind nicht nur islamistische Terrorgruppen, die Christen verfolgen und unterdrücken. Es sind auch demokratische Staaten, wie die Türkei oder Ägypten.

Dieser weltweite Trend sollte davor warnen, das Vordringen des politischen Islam und des islamisch motivierten Fundamentalismus auch nach Europa auf die leichte Schulter zu nehmen. Erste Erfahrungen haben wir ja längst gemacht, wie etwa die Zellen des IS und der Muslimbrüder, aber auch der Einfluss der türkischen Religionsbehörde und der begeisterte Empfang Erdogans in Österreich zeigten. Doch lassen sich leider viele vom Geschrei und dem sinnwidrigen Kampfbegriff des „islamischen Rassismus“ den Mund verbieten. Daher ist es richtig und wichtig, dass die österreichische Bundesregierung nicht davor zurückscheut, das Problem klar zu benennen. Es ist wichtig und richtig, dass sie (endlich) eine „Beobachtungsstelle gegen den politischen Islam“ einrichtet. Es ist höchste Zeit, genau hinzusehen und entschlossen zu handeln, wenn es nötig ist. Denn wie die Geschichte vom Biedermann und den Brandstiftern ausgegangen ist, wissen wir.