Eine ängstliche Kirche kann in der Krise schwerlich Mut machen

18.06.2020

Durch die Corona-Krise wurden latente Schwachstellen in Kirche und Glaubenspraxis sowie eine Religionsfeindlichkeit offenbar.

Die Lage der Kirchen in Österreich ist nicht besonders gut. Wir haben zwar noch zahlreiche religiöse (katholische) Feiertage, auf die niemand verzichten will, für religiöse Zwecke werden sie aber kaum genutzt. Der Kirchenbesuch ist selbst unter Mitgliedern der Kirchen gering, Tendenz fallend, und zwar schon vor Corona. 

Die Coivd19-Krise hat diesen Trend nun verstärkt und die Schwachstellen der traditionellen Glaubenspraxis und der Kirchenstrukturen schonungslos offengelegt. Der Apparat wurde gemäß den Vorgaben der Politik radikal heruntergefahren, die Bischöfe setzten dem religiösen Lockdown nichts entgegen. Zu groß war die Sorge, als Superspreader dazustehen. Die Vorgaben wurden übererfüllt, Freiräume im wahrsten Sinn des Wortes nur selten genutzt. Unter vielen Gläubigen machte sich Lähmung breit und das Gefühl, alleingelassen zu werden. Die Herde verlief sich, entgegen aller Beschwörungen der „Hauskirche“. Es gab nur noch One-Priest-Shows im Internet. Das Verbot von Messen traf Katholiken besonders hart, denn eine Messe kann nicht allein im stillen Kämmerlein gefeiert werden. 

So wie das Wirtschaftsleben lässt sich auch das religiöse Leben in den Gemeinden nicht auf Knopfdruck hochfahren. Der Ansturm nach der Öffnung der Kirchen war erwartungsgemäß vielerorts gering. Die Alten sollten fernbleiben, weil ja Risikogruppe. Andere weigern sich, mit Mundschutz in die Kirche zu gehen, andere haben es sich mittlerweile abgewöhnt. 

 

Der Gesundheitsaspekt erscheint bei derlei als nur ein Teil der Wahrheit. Natürlich wollte man kein Infektionsherd sein. Allerdings: Während die Öffnung von Gasthäusern als dringend erforderlich dargestellt wurde, wurden Kirchen zu hochgefährlichen Orten erklärt. 

Es gab keine Osterfeierlichkeiten, nun waren auch keine Fronleichnamsprozessionen, erlaubt. Allerdings gestatteten die Gesundheitsbehörden eine Demo mit Tausenden erwarteten Teilnehmern. Beides findet üblicherweise im Freien statt. 

 

Während der Beschränkungen wurden die latente Kirchen- und Religionsfeindlichkeit in Teilen der Bevölkerung besonders offenkundig. So etwa wurde ein Priester angezeigt, weil bei einem Begräbnis acht statt fünf Personen anwesend waren. Gläubige wurden angezeigt, weil sie in einer leeren Kirche beten wollten – es handelte sich ja nicht um den Weg zu einer Arbeitsstätte. Priester wurden angezeigt, weil sie alten Menschen die Hostie bringen wollten. Priestern und Pastoralassistenten wurde vielfach der Zutritt zu Pflegeheimen und Spitälern verwehrt, obwohl Kranke oder Sterbende nach ihnen verlangt hatten. Eine letzte Ölung lässt sich jedoch nicht nachholen oder aufschieben. Argumentiert wurde dies stets mit der Sicherheit und dem Schutz der Betroffenen. Das überzeugt jedoch nicht: Man hätte nur Schutzkleidung vorschreiben müssen, und wie gefährdet man einen Sterbenden?

 

Die Covid19-Krise hat aus einer zurückhaltenden Kirche eine ängstliche Kirche gemacht. Das betrifft sowohl viele Kleriker und Würdenträger als auch viele Laien. Man will bloß keinen Ärger erregen, wagt nicht, Stellung zu beziehen. Vor allem, wenn es um Lebensthemen geht, bleibt man lieber in Deckung. Und das ist durchaus verständlich, denn bekennende Christen gelten oft bereits als verdächtig. So etwa wurden beim letzten „Marsch für das Leben“ heimlich Fotos der Teilnehmer angefertigt, diese ins Internet gestellt, mit gehässigen Kommentaren versehen und Teilnehmer mit Namen deklariert – oder besser an den Pranger gestellt. Als Fundis nämlich, als Radikale, die man sich merken sollte.

Gerade in Krisenzeiten wären die Fragen nach dem Sinn, nach dem Tod und dem Leben nach dem Tod, nach der Würde des Menschen wichtiger denn je. Doch wer wird sie den Fragenden, den Suchenden beantworten? In einer Zeit, die voller Angst ist, brauchen wir eine Kirche, die mutig ist und zuversichtlich, die glaubwürdig ist und Antworten geben kann. Ängstliche können das nicht.