Die Grünen und ihre neuentdeckte Affinität zum Christentum

15.10.2019

Werner Kogler spricht von „Umkehr“ und der Bibel: Ist es eine wundersame Bekehrung oder doch nur Populismus?

 

Es waren ungewohnte Töne, die im Wahlkampf aufhorchen ließen: Von allen Seiten wurden die ÖVP und allen voran Sebastian Kurz gemahnt, sich ihrer „christlich-sozialen Wurzeln“ zu besinnen. Die Grünen sprachen sogar eine Einladung an christliche Wähler aus. Schließlich, so betonte der bekennende „Ungläubige“ Werner Kogler, gehe es auch den Grünen um die Bewahrung der Schöpfung. Am Wahlabend, im Siegestaumel und recht übermütig, empfahl er der ÖVP eine „Umkehr“ und die Lektüre der Bibel, wenn sie mit den Grünen eine Koalition anstreben würden.

 

Was ist mit den Grünen los?  Sind sie plötzlich eine Christen-Partei? Sind sie gar die einzige Partei, die für Christen wählbar war? Dies behauptete zumindest der oberösterreichischen Grünen-Chef Stefan Kaineder, selbst bekennender Christ. Nun, es gibt zahlreiche personelle Verflechtungen. So war etwa die burgenländische Parteichefin Regina Petrik Funktionärin der Katholischen Jungschar. In der Caritas und in der Diakonie haben etliche ehemalige Grün-Politiker und Parteiangestellte angedockt, vor allem seit der Zeit, als die Grünen aus dem Parlament flogen. Caritas und Diakonie werden in diesen Kreisen auch stets als (einziges) positives Beispiel genannt, wenn es um das Verhältnis zu den Kirchen geht. 

Man hat aber auch gemeinsame Themen, etwa den Umweltschutz, im christlichen Wortgebrauch „Schöpfungsverantwortung“. Doch spätestens hier zeigt sich, dass das Verständnis von Christentum bei vielen grünen Funktionären recht oberflächlich ist. So meinte die Spitzenkandidatin in Niederösterreich in der lokalen Kirchenzeitung, warum Grüne für Christen attraktiv seien: „Weil es bei uns um Frieden geht, aber auch um den Erhalt der Lebensgrundlagen, was, glaube ich, auch in der Bibel ein sehr wichtiges Thema ist.“ Auch Parteichef Kogler scheute in seinem Bemühen um mehr Wählerstimmen nicht davor zurück, den Christen explizit ein Angebot zu machen. Die Verbreiterung seiner Wählerbasis ist ihm gelungen, die Mehrheit kam allerdings von der SPÖ.

 

Es ist erstaunlich, dass die Grünen derzeit überhaupt die Nähe zum Christentum suchen. Denn es war der grüne Bildungssprecher, der die Abschaffung des Religionsunterrichts gefordert hatte. Gesellschaftspolitisch setzen sich die Grünen massiv für LGBTI-Personen und die Ehe für alle ein, die klassische Familie kommt eher nicht vor. Aktive Sterbehilfe zählt ebenso zum Forderungskatalog der Grünen wie Abtreibung auf Krankenschein, die „Entkriminalisierung“ der Abtreibung und der Spätabtreibung behinderter Kinder und das Aufkündigen des Konkordats. Noch nie hat man von den Grünen ein kritisches oder mahnendes Wort zur weltweiten Christenverfolgung gehört oder dass sie Christen gegen Diffamierung oder Angriffe verteidigt hätten. So gesehen ist es überraschend, bei anderen Parteien christliche Werte einzufordern und sie aufzufordern, die Bibel zu beherzigen.

 

Die Kirche ist nicht bloß eine NGO, die sich für Flüchtlinge, Frieden und Umwelt einsetzt. Und Christen sind keine reinen Aktivisten. Christsein ist eine persönliche Angelegenheit, zwischen einem Gläubigen und Gott. Daraus kann alles mögliche erwachsen, auch ein politisches Engagement. In allen Parteien gibt es Christen. Für Christen sind bestimmte Werte unumstößlich, etwa der Schutz des Lebens von seinem Anfang bis zum natürlichen Ende. Ein Herauspicken und Zurechtbiegen nach Belieben ist nicht möglich. Christsein heißt auch, auf sein Gewissen zu hören, zu sich selbst streng zu sein und gegenüber den Mitmenschen nachsichtig. Es bedeutet sicher nicht, den anderen die Umkehr zu empfehlen und sich selbstzufrieden zurückzulehnen.

So betrachtet ist dies alles ein eher plumper Versuch, neben der „Friday for Future“-Bewegung auch die Christen zu vereinnahmen. Dennoch ist es den Grünen unbenommen, sich in den zentralen ethischen Fragen zu „bekehren“. Vielleicht tun das Werner Kogler und manche seiner Parteigänger wirklich noch? Man darf gespannt sein.