Vom „Ausmerzen“ des österreichischen Adels und seiner „Verjudung“

26.04.2019

Vor hundert Jahren wurde die Abschaffung adeliger Titel und Würden beschlossen. Bis heute beschäftigt dies die Gerichte, die sogar darüber hinaus gehen.

Am 3. April 1919 trat die neugewählte, konstituierende Nationalversammlung Deutschösterreichs zu ihrer 8. Sitzung zusammen. Im Land waren zu dieser Zeit die Folgen des Krieges noch immer drückend zu spüren: Lebensmittelknappheit, Seuchen, Arbeitslosigkeit, Elend, Not. Auf der Tagesordnung standen zwei Punkte, die zu sehr emotionalen, heftigen und stundenlangen Debatten führten: Der Landesverweis des ehemaligen Herrscherhauses, der Habsburger, und die Abschaffung des Adels.

Nun ist es logisch und selbstverständlich, dass in einer Republik abgesetzte Herrscher nichts mehr zu sagen und Vorrechte aufgrund der Geburt keinen Platz haben. So gesehen hätten diese Punkte in einer halben Stunde erledigt werden können. Doch studiert man das Protokoll der Sitzung wird deutlich, dass es um weit mehr als einen Formalakt ging: Es ging um Schuld, Rache, Neid und Ressentiments. Die Generalität und die Offiziere im Krieg stammten durchwegs aus dem Adel, man hatte tatsächlich schwere strategische Fehler gemacht, und dafür wurde von den Abgeordneten die Rechnung präsentiert. Der Wortführer der Sozialdemokratie, Karl Leuthner, warf dem Adel Feigheit im Krieg und persönliche Bereicherung vor. Deshalb hätten die Adeligen „wahrlich das Recht erworben, daß wir heute Gericht über sie halten, daß wir sie ausmerzen aus dem Buche des Lebens“, rief er in den Saal und erntete frenetische Zustimmung. Es ging also nicht um Vorrechte, Titel oder Ehrenbezeichnungen allein, sondern um viel mehr.

Das machte auch eine andere Rednerin klar, die neugewählte Abgeordnete Adelheid Popp, die die adelige Generalität als „Schinder an den Söhnen“ bezeichnete. Sie ging noch darüber hinaus und verstieg sich in offenen Antisemitismus, indem sie das „Herabsinken des Adels in die Verjudung“ beklagte. Popp erklärte sich gegenüber den Abgeordneten der anderen Parteien „gerne bereit, alle baronisierten, alle kapitalisierten Juden zu jeder Handlung Ihnen zu überlassen, so scharf und so revolutionär diese Handlung immer sein mag“. Zur Erinnerung: Zu dieser Zeit wurden im Zuge der Oktoberrevolution in Russland Tausende Aristokraten inhaftiert und ermordet, so sie nicht zuvor fliehen konnten. Weiters wurde in dieser Debatte kritisiert, dass sich viele Juden „schöne, adelig klingende Namen“, zugelegt hätten, und dies müsse rückgängig gemacht werden.

Das kleine Österreich, die junge Republik, befand sich damals in einer schweren Identitätskrise, es herrschten Not und Elend. Es ist ein nachvollziehbarer Reflex, dafür Schuldige zu suchen, dem Alten etwas Neues entgegenzusetzen, sich zu emanzipieren. Ein Beispiel dafür gab diese Debatte um ein an sich völlig nebensächliches Thema. Alle Abgeordneten stimmten für das Gesetz, nur die Christlich-sozialen verließen den Saal, weil sie es als zu weitgehend betrachteten. Es gab übrigens einen umfangreichen Anhang zu dem Gesetz, der etliche Ausnahmen anführte. Der „Hofrat“ etwa blieb erhalten.

Es ist bemerkenswert, dass hundert Jahre nach der Republiksgründung die Frage der Adelsnamen noch immer als so wichtig erscheint, dass sich selbst Höchstgerichte damit beschäftigen. Das Verfassungsgericht hat die Anwendung sogar noch ausgedehnt. Die Absurdität wird dadurch deutlich, dass sogar Namen, die so klingen als wären sie adeligen Ursprungs, aberkannt werden sollen. Das erinnert an die Forderung der denkwürdigen Sitzung 1919 im Hinblick auf die „baronisierten Juden“. Und in Bezug auf das Habsburgergesetz wurde erst kürzlich die Bestimmung aufgehoben, die diesen die Kandidatur zum höchsten Staatsamt untersagte.

Das alles ist einer reifen Demokratie unwürdig. Ist die Identität der Republik immer noch so schwach? Oder sind es die übrigen Motive, die bereits damals eine Rolle spielten? Ist es nicht vielmehr an der Zeit, mit den Ressentiments endlich abzuschließen und mehr Gelassenheit zu zeigen?