Erwachsene können und dürfen sich nicht aus der Verantwortung stehlen

05.04.2019

Anstatt Kinder zu ermuntern, fürs Klima zu streiken, sollten die Erwachsenen endlich handeln. Ein Einspruch.

Allenthalben bricht derzeit Begeisterung auf, allenthalben artikuliert man Unterstützung für den Schülerstreik: Endlich reicht es den Kindern mit der Unentschlossenheit, Halbherzigkeit und der Zukunftsverweigerung der Politiker! Die Kinder nehmen ihre Zukunft selbst in die Hand! Nun gehen sie scharenweise auf die Straße! Gut so, wunderbar!

Jedoch beschleicht einem ein Unwohlsein bei der Sache. Das liegt nicht nur an der Gefahr der Instrumentalisierung. Sicher, es ist begrüßenswert, wenn sich junge Leute für Politik, für Umwelt und anderes Relevantes interessieren und nicht nur für ihr Handy und virtuelle Spiele. Und es ist verständlich, dass die jungen Menschen um ihre Zukunft bangen. Doch die Jubelrufe und die Anfeuerung der Erwachsenen irritieren. Sie sollen ein Zeichen der Wertschätzung und Solidarität sein, bedeuten jedoch eigentlich das genaue Gegenteil.

Es ist heute generell hip, Kindern möglichst alle Entscheidungen zu überlassen, die früher selbstverständlich die Erwachsenen für sie trafen: Kinder entscheiden heute, in welche Schule sie gehen, was sie essen oder nicht essen, was sie anziehen (wenn eine Dreijährige im Winter den Anorak verweigert, wird dies akzeptiert), wohin man auf Urlaub fährt, wie lange und welche Spiele sie auf Handy oder Computer sie spielen und wann sie schlafen gehen. Das halten die betreffenden Eltern dann für einen Nachweis dafür, dass sie ihre Kinder ernst nehmen, dass sie demokratisch erzogen werden, dass sie auf „Augenhöhe“ mit ihnen sind.

Es ist jedoch eingentlich höchst bequem, all diese Entscheidungen zu delegieren. Man muss als Erwachsener nicht für die Folgen seiner Entscheidungen einstehen und erspart sich Tränen, Zorn oder Diskussionen. Und wer will schon als autoritär gelten?

Das Problem ist, dass Kinder die Folgen und Tragweite ihrer Entscheidungen noch gar nicht abschätzen können. Und es ist nicht nur pädagogisch höchst bedenklich, wenn die Eltern- und Kinderrolle vertauscht werden oder nicht klar abgegrenzt sind. Kinder, die selbst alles bestimmen (müssen), denen keine Grenzen gesetzt werden, werden nicht mündig, sondern ängstlich und verunsichert. Es fehlen ihnen die wirklich Erwachsenen, auf die sie vertrauen und auf die sie sich verlassen können. So gesehen ist die verbale Unterstützung des Schülerstreiks zur Rettung des Weltklimas kein Zeichen der Wertschätzung, des Ernstnehmens oder der Solidarität, sondern nichts anderes als ein Drücken vor der Verantwortung.

Es ist nicht die Aufgabe von Kindern und Jugendlichen, die noch nicht einmal wahlberechtigt sind, Politiker zu „zwingen“, sich ums Klima zu kümmern. Das ist der Job der Erwachsenen. Die aber ermuntern sie zur Demo, steigen in ihren SUV und fahren davon. Leider erleben Kinder und Jugendliche oft eine Erwachsenengeneration, die zunehmend egoistisch auf ihren eigenen Vorteil bedacht ist; die Verantwortung scheut und lieber dem Hedonismus frönt, als ob es kein Morgen gäbe. Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen und selbst Vorbild zu sein, das ist vielfach aus der Mode.

Die Konsequenz bei Fehlentwicklungen wie etwa der Umweltbelastung kann nicht sein, dass wir Erwachsene, anstatt selbst dagegen zu kämpfen, nun unsere Kinder ins Feld schicken. Vielmehr müssen wir selbst mit gutem Beispiel vorangehen, unser Verhalten ändern und umfassend Verantwortung übernehmen. Wir Erwachsene sollten als Bürger und Wähler die Eliten zum entsprechenden Handeln auffordern. Es ist unsere Aufgabe, durch verantwortungsvolle Entscheidungen den Kindern Sicherheit und eine gute Zukunft zu bieten. Es ist eine Fehlentwicklung, die Kinder mit Verantwortung und Entscheidungen heillos zu überfordern, während wir selbst uns zurücklehnen. Die Kinder bekommen zurecht Angst, weil sie sich allein gelassen fühlen, mit Problemen, die wir Erwachsene verursacht haben. Es ist Zeit, wirklich erwachsen zu werden.