Spätabtreibung ist eine massive Form der Diskriminierung Behinderter

12.03.2019

Die eugenische Indikation erhöht den Druck auf Schwangere und die gesundheitlichen Risiken. Eltern behinderter Kinder brauchen vielmehr Verständnis und Unterstützung.

Es ist der Albtraum aller werdenden Eltern: Bei einer Routineuntersuchung in der Schwangerschaft teilt der Arzt mit, dass das Kind wahrscheinlich eine Behinderung hat. Durch verfeinerte und standardisierte Screening-Methoden nimmt diese Wahrscheinlichkeit zu. Dabei kann der Arzt oder die Ärztin oft nicht genau prognostizieren, ob es dann tatsächlich eine Beeinträchtigung gibt und wie sich diese auswirkt, ob es Überlebenschancen gibt und wie diese aussehen. All dies stürzt Schwangere in einen schweren Konflikt. Wie entscheiden? Das Kind behalten oder abtreiben? Und wie lange zuwarten?

Derzeit ist die Abtreibung eines gesunden Kindes bis zum Ende des dritten Schwangerschaftsmonats straffrei. Wird eine Behinderung festgestellt, verlängert sich diese Frist bis kurz vor dem Geburtstermin. Diese sogenannte „eugenische Indikation“ wird immer wieder in Frage gestellt, auch von Behindertenverbänden. Sie argumentieren, mit dieser Regelung würden sie zu Menschen zweiter Klasse, ja überhaupt ihr Lebensrecht in Frage gestellt.

Derzeit versuchen Kritiker der Spätabtreibung verschiedenster Provenienz, die Politik dazu zu bewegen, diese Regelung abzuschaffen. Sogleich formierte sich erbitterter Widerstand, getragen vor allem von den Proponentinnen des letzten Frauenvolksbegehrens. Sie orten in der Initiative einen „Angriff von konservativer und rechter Seite auf die reproduktiven Rechte von Frauen*“. Es gelte daher, das „Selbstbestimmungsrecht der Frauen*“ zu verteidigen. Kräftige Unterstützung erhalten sie dabei von einem prominenten Abtreibungsmediziner.

Abgesehen davon, dass die Themen völlig vermengt werden, geht diese Argumentation an den Tatsachen vorbei. Zum einen ist Abtreibung kein „Recht“, sondern sie ist nur straffrei. Es gibt Menschenrechte, ein Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit. Und hier liegt das Dilemma. Da ist natürlich auf die Gesundheit der werdenden Mutter zu achten, und es gibt Fälle, in denen diese bedroht ist, sollte sie ein Kind austragen. In welcher Weise trägt nun eine Spätabtreibung zu dieser Gesunderhaltung bei? Oder erhöht sie das Risiko eher noch? Spätabtreibung bedeutet, dass ein lebensfähiges Kind im Mutterleib getötet und dann von der Mutter zur Welt gebracht wird, mit all den damit verbundenen Schmerzen und Risiken. Trägt dies zur körperlichen und seelischen Gesundheit der Mutter bei?

Die umfassenden Screeningmethoden und die zunehmende Akzeptanz der Abtreibung als Mittel der Verhütung haben generell den Druck auf werdende Eltern erhöht, ihr (wahrscheinlich) behindertes Kind abzutreiben. Die Möglichkeit der Spätabtreibung prolongiert den Zeitraum, in dem diese über Abtreibung oder Austragung ihres Kindes entscheiden müssen, bis zur Geburt. Was ist damit gewonnen? Es gibt trotzdem keine 100 Prozent sicheren Diagnosen und Prognosen. Und ab welchem Grad der Behinderung hat ein menschliches Wesen sein Lebensrecht verwirkt? Diese ethischen Fragen sind letztlich unlösbar. Sie müssen aber von Eltern in einer Ausnahmesituation wie einer Schwangerschaft eigenverantwortlich entschieden werden, niemand kann sie ihnen abnehmen.

Ein behindertes Kind großzuziehen, zu betreuen und bestmöglich zu fördern, ist eine enorme Herausforderung für Mütter und Väter. Dies ist nicht allein zu schaffen, sie sind auf Hilfe angewiesen. Und sie brauchen die Akzeptanz der Gesellschaft, dass auch ihr behindertes Kind willkommen ist und wertgeschätzt wird. Erst wenn sie mit dieser Hilfe rechnen können und wenn sie diese Akzeptanz erfahren, können sie überhaupt eine Alternative zur Abtreibung erwägen. Im aktuell vorherrschenden Klima, in dem behinderten Kindern nicht das gleiche Lebensrecht zuerkannt wird wie gesunden, ist diese Akzeptanz keinesfalls vorhanden, sondern der Druck geht allein in Richtung Abtreibung. Eine echte „Selbstbestimmung“ ist dies nicht, nicht für die Frauen und schon gar nicht für behinderte Kinder.