Selbstaufgabe ist keine Perspektive für die Christen und Europa

12.03.2019

An ihrer Marginalisierung trägt die Kirche auch selbst schuld. Sich nun einfach damit abzufinden, ist falsch und hätte dramatische Folgen.

Vor einigen Tagen irritierte der Wiener Erzbischof, Kardinal Schönborn, aus Anlass der Weltgebetswoche für die Einheit der Christen so manchen mit einer kryptischen Aussage: Er konstatierte einen „Machtverlust“ der christlichen Kirchen. Er beklagte die „Marginalisierung der Kirchen, die oft weh tut“, diese würden an den „Rand gedrückt“. Gleichzeitig bemühte er sich, diesem Trend etwas Positives abzugewinnen, sei doch Jesus selbst am Rand gewesen.

Die Ursachen dieser Marginalisierung führte er nicht aus. Fakt ist, dass in Österreich immer weniger Menschen Mitglieder der christlichen Kirchen sind. Die Aussage des Kardinals klingt nun nicht danach, diese Tatsache als Aufforderung zu sehen, eifriger zu missionieren und sich etwas zu überlegen, wie man diesen Trend stoppen könnte. Es klingt danach, als ob man sich in Zukunft einfach als eine Randgruppe definiert und sich damit abfindet, ja dies noch positiv sieht.

Meinte Schönborn hingegen den Verlust an politischem Einfluss, so ist dieser nicht unbedingt „schmerzlich“. Man denke an die zu enge Verknüpfung von Politik und Religion etwa in der Zwischenkriegszeit, die den Kirchen großen Schaden zufügte. Im Widerspruch zu dieser Aussage steht die gerade in letzter Zeit betonte Verknüpfung von Christentum und Politik in der Debatte um die Caritas. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass deren sehr aktive Pressesprecher politische Forderungen veröffentlichen. Richtig ist, dass diese immer weniger Relevanz für die Tagespolitik haben.

Worüber der Kardinal nicht sprach, ist der zunehmende Autoritätsverlust. Dieser ist nicht nur beim Kirchenvolk, sondern mittlerweile auch bei den Klerikern deutlich erkennbar. Zum Autoritätsverlust tragen auch die Skandale bei, unter denen dann neben den bemühten Klerikern auch das Kirchenvolk leidet und wegen der viele Gläubige der Kirche den Rücken kehren. Auch den Autoritätsverlust kann man gut oder schlecht finden. Für eine hierarchisch organisierte und globale Institution ist es jedoch ein grundlegendes Problem, wenn alle nur mehr machen was sie wollen, Grundsätze einfach über Bord werfen und jedem Zeitgeist folgen.

Aber Autorität ist nicht unbedingt nur Gehorsam, sondern es geht vielmehr um die Glaubwürdigkeit der Repräsentanten und der christlichen Botschaft, um deren Relevanz für die Gesellschaft und das Zusammenleben. Soll sich eine Religionsgemeinschaft, die wichtige Werte für das Zusammenleben implementiert, einfach als wesentliche Kraft aufgeben? Wenn sich nun die christlichen Kirchen mit dem „Rand“ zufriedengeben, wer füllt dann das Zentrum aus und gibt den Ton an? Werden es die Kirchengegner sein, die Religion am liebsten ganz abschaffen wollen? Oder werden es andere, dynamischere und wesentlich selbstbewusstere Religionsgemeinschaften sein? Der Islam zum Beispiel?

Die katholische Kirche befindet sich offenbar in einer tiefen Krise. Nützt man diese für eine Rückbesinnung auf das Wesentliche, auf die Botschaft des Christentums und deren Verbreitung, statt sich nur mit sich und seinen Strukturen zu beschäftigen, so kann dies wertvoll sein. Bedeutet es aber Resignation, so hätte dies dramatische Folgen. Das gilt nicht nur für Europa, sondern auch für die Christen in Afrika, Asien und dem Nahen Osten. Die Christen sind die weltweit am meisten verfolgte Glaubensgemeinschaft. In keinem muslimischen Land dürfen sie ihren Glauben frei leben, auch in kommunistischen Ländern wie etwa in China und Nordkorea werden sie systematisch verfolgt. Können wir uns da im immer noch christlichen Europa einfach zurücklehnen, uns als ohnmächtige Randgruppe definieren und einfach zusehen? Bis sich auch Europa verändert?

Es geht um eine konkrete Verantwortung, aus der man sich nicht „an den Rand drücken“ lassen kann. Es geht darum, für seine Sache einzustehen, aktiv für diese zu werben, sie zu verteidigen und daran zu arbeiten, sie wieder attraktiv zu machen. Einfach nur die Wunden zu lecken, gilt nicht.