Von Habsburgs „Joch“ unter den brutalen Knüppel der Sowjet-Diktatur

24.01.2019

Die ehemaligen Kronländer Österreich-Ungarns wollten Freiheit und Selbstbestimmung und gerieten in eine grausame kommunistische Diktatur mit Millionen Toten.

Das Gedenkjahr 2018 geht zu Ende, ein weiteres erwartet uns 2019. Im vergangenen Jahr gedachten wir dem Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren, kommendes Jahr dem Ende der kommunistischen Diktaturen in Europa und dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Diese beiden einschneidenden Daten in der europäischen Geschichte stehen miteinander auf tragische Weise in Verbindung.
1918 war für Österreich wie für kein anderes Land schicksalhaft. Für Österreich-Ungarn war es ein Zusammenbruch, die Zerstörung eines großen Reiches, das Jahrhunderte das Schicksal Europas wesentlich mitbestimmt hatte. Der verlorene Krieg war nur der Auslöser, die zentrifugalen Kräfte hatten jedoch schon viel länger gewirkt und das Reich von innen ausgehöhlt. Die nicht-deutschsprachigen Gebiete lösten sich vom Kern, oder besser vom „Rest“, den deutschsprachigen Gebieten. Sie erhofften sich dadurch mehr Wohlstand, mehr Freiheit und Selbstbestimmung. Man wollte das Joch Habsburgs abschütteln und aufrechten Hauptes eigene Wege gehen.
Die Wege der ehemaligen Kronländer waren sehr unterschiedlich: aus Böhmen, Mähren und dem slowakischen Gebiet des Königreichs Ungarn wurde die Tschechoslowakei gebildet. Galizien schloss sich dem Königreich Polen an. In Ungarn kam es 1919 kurze Zeit zu einer kommunistische Diktatur in Form einer Räterepublik. In dieser Revolution war übrigens ein Mann führend, der knapp zwei Jahrzehnte später in Österreich beim Februaraufstand 1934 eine zentrale Rolle spielen sollte, ein gewisser Koloman Wallisch. Nach einer Konterrevolution wurde Ungarn wieder ein Königreich mit dem Reichsverweser Nikolaus Horthy, die Restaurationsversuche Kaiser Karls scheiterten. Der östliche Teil Ungarns, Siebenbürgen, kam zum Königreich Rumänien. Die Slowenen, Kroaten und Serben schlossen sich ebenfalls zu einem Königreich zusammen, dem Kern des späteren Jugoslawien. Südtirol und Triest wurden dem Königreich Italien zugeschlagen.
All diesen Gebieten und ehemaligen Kronländern, mit Ausnahme der letztgenannten, ist eines gemeinsam: Sie endeten in einer Diktatur: Zuerst, wie auch Österreich, in der nationalsozialistischen, und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in einer kommunistischen. Während Österreich bereits 1955 seine volle Souveränität wiedererlangen konnte, ein Wirtschaftswunder erlebte, die Bürger in Freiheit und zunehmendem Wohlstand lebten, litten die ehemaligen Kronländer unter Unfreiheit, brutaler Repression, Angst und Mangel. Diese Zustände sollten bis ins Jahr 1989 anhalten. Jene Völker, die 1918 frei und selbstbestimmt leben wollten, wurden erst siebzig Jahre später wirklich frei. Somit hängen die Ereignisse von 1918 und 1989 eng zusammen. Eine Ironie der Geschichte: Die Bürger der ehemaligen Kronländer kamen vom Regen in die Traufe, doch das konnte damals niemand ahnen.

Noch heute, dreißig Jahre nach dem Niederreißen des Eisernen Vorhangs, sind diese Länder im Nachteil. Sie sind zwar freie Demokratien, haben aber noch nicht denselben Wohlstand erreicht wie Österreich, obwohl die meisten mittlerweile Mitglieder der EU sind. (Übrigens war ein vehementer Betreiber einer raschen EU-Erweiterung ausgerechnet der Sohn des letzten Kaisers, Otto von Habsburg.) Sie fühlen sich nicht gleichwertig und sind allergisch auf Bevormundung durch andere – sei es Putins Russland, die europäischen Partner oder ausländische Medien.
Nur wenn man sich dieser historischen Entwicklungen bewusst ist, kann man die Befindlichkeit und die politische Haltung dieser Länder und deren Bürger verstehen. Es war eine lange Zeit der Unterdrückung und sie liegt noch nicht lange zurück, daher braucht es im Umgang Verständnis und Takt.
Österreich hat nach dem Ersten Weltkrieg am meisten gelitten, nach 1945 hat es aber unglaubliches Glück gehabt. Nur zu leicht hätte zumindest der Osten des Landes ebenfalls für Jahrzehnte hinter dem Eisernen Vorhang verschwinden können. Dafür dankbar zu sein, dazu sollte dieses Jubiläums- und Gedenkjahr auch dienen.