Themenverfehlung! Warum Asylwerber die Lehrlingsfrage nicht lösen

06.11.2018

Statt weiter Asyl und Zuwanderung zu vermischen, sollte darüber nachgedacht werden, warum es zu wenige Lehrlinge und Facharbeiter gibt.

Landauf, landab schallt der Ruf: Wir haben zu wenige Lehrlinge, also lasst doch die Asylwerber diese Lücke füllen! Dabei trafen die Interessen der Wirtschaft und die Anliegen der Hilfsorganisationen in seltener Allianz aufeinander. So sehr es im Einzelfall als wenig sinnvoll erscheint, dass ein junger Mensch, der sich in Österreich eine neue Existenz aufbauen will, aus einer Ausbildung herausgerissen wird, werden dabei doch einige Dinge vermengt und die Grundproblematik negiert.

Mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit werden stets die Themen Asyl und Migration vermischt. Das sind jedoch grundverschiedene Dinge. Beim Thema Asyl darf es keine Rolle spielen, ob man diese Menschen „brauchen“ kann, welche Ausbildung und welches Alter sie haben. Ihnen ist so lange Schutz zu gewähren, bis sie vielleicht eines Tages in ihre Heimat zurückkehren können. Das andere sind Menschen, die sich in einem anderen Land eine Existenz aufbauen wollen. Hier kommen die Bedürfnisse der Wirtschaft, die Qualifikation und das Alter ins Spiel. Wirtschaftsmigration hat es immer gegeben, sie ist nicht nur legitim, sondern auch notwendig. Dafür braucht es klare Regeln und Mechanismen.

Es ist daher eine Themenverfehlung, wenn etwa der Salzburger Landeshauptmann dazu aufruft, Asylwerber, deren Antrag abgelehnt wurde, nicht abzuschieben, weil die Hotelerie Lehrlinge braucht. Zumindest ein Spitzenpolitiker sollte auf Einhaltung rechtlicher Vorgaben und auf die Konsequenzen seiner Äußerungen achten und nicht willkürlich die Dinge miteinander vermischen. In den 60er Jahren rief die Wirtschaft ebenfalls Bedarf nach (billigen) Arbeitskräften. Man holte „Gastarbeiter“, ohne an die Folgen für sie, ihre Familien und die Aufnahmegesellschaft zu denken.

Heute ist es ähnlich, nur haben wir keinen Arbeitskräftemangel, sondern Arbeitslosigkeit, auch bei jungen Menschen. Somit wäre es doch naheliegend zu analysieren, warum man im Inland nicht genügend interessierte und geeignete junge Menschen für die betreffenden Lehrstellen findet? Warum sind Asylsuchende, die erst die Sprache lernen müssen, geeigneter als Österreicher, denen Lehrherren häufig mangelnde Beherrschung der Grundkenntnisse vorwerfen? Zumindest die Sozialdemokratie als Vertreterin der Arbeiterschaft und die Gewerkschaft müssten sich fragen, warum der Handwerksberuf so unattraktiv geworden ist?

Über Jahrzehnte hat die Sozialdemokratie eifrig daran mitgewirkt, dass die Lehre offenbar für viele jungen Leute als keine Option erscheint. In ihrer Bildungspolitik wurde stets als höchstes Ziel der freie Zugang zu den Universitäten und eine höhere Akademikerquote postuliert. Gleichzeitig wurden in Ballungsräumen die Hauptschulen immer unattraktiver, die Umbenennung in NMS hat daran nichts geändert, im Gegenteil. Alles strömte in die Gymnasien, womit der Weg in die Lehre nur noch in der Theorie bestand. Die Folgen sind überfüllte Universitäten und Jungakademiker, die vielfach nur unbezahlte oder schlecht bezahlte Praktikantenstellen finden. Die Jugend in diesem Ausmaß an die Unis zu locken, war daher verantwortungslos. Zusätzlich wurden die Schutzbestimmungen für Lehrlinge teilweise so überzogen, dass viele Unternehmen gar keine Lehrlinge mehr ausbilden oder es sich dreimal überlegen, ob und wen sie aufnehmen.

Man sollte endlich aufhören, als Ziel der Bildungspolitik zu verbreiten, dass möglichst viele junge Leute studieren sollen. Es bedarf im Gegenteil dringend einer Aufwertung des Handwerks, von Facharbeitern und der Lehrlingsausbildung. Dazu braucht es Änderungen in der Bildungslandschaft, etwa die Abschaffung des Polytechnikums. Interessant wäre es etwa, an allen Gymnasien eine duale Ausbildung anzubieten, nämlich zusätzlich verschiedene Lehrberufe. Somit würde man mit der Matura gleichzeitig einen Lehrberuf abschließen. Junge Menschen hätten dann eine Alternative zum Studium. Jedenfalls wäre es sinnvoll, die Problematik grundsätzlich anzugehen, statt nur unüberlegte Schnellschüsse abzufeuern.