Die Verkehrshölle am angeblich ruhigen Land und ihre Verursacher

12.09.2018

Während in den großen Städten die Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung greifen, wird die Zunahme des Verkehrs am Land von der Politik aktiv befördert.

Das Thema sorgt regelmäßig und zuverlässig für Aufregung: Die Hürden und Einschränkungen für den Autoverkehr in den Städten. Nicht erst seit es grüne Stadtregierungsmitglieder gibt, lassen sich die Verantwortlichen immer wieder Neues einfallen, um die Autos von den Städten fernzuhalten: Fußgängerzonen, gebührenpflichtige Kurzparkzonen, komplizierte Einbahnsysteme, Umfahrungen, Anrainerparkplätze und Einfahrbeschränkungen.

In den großen Städten sind die Auswirkungen durchaus spürbar und die Strategie trägt Früchte. Verkehrsstaus sind seltener geworden, freie Parkplätze häufiger und wo es attraktive Alternativen gibt steigen die Bürger vermehrt auf öffentliche Verkehrsmittel um. Immer mehr besitzen gar kein eigenes Auto mehr.

Im ländlichen Raum verläuft die Entwicklung in die genau gegenteilige Richtung: Der Verkehr nimmt dort dramatisch zu. Das betrifft nicht nur den Transitverkehr und die Autobahnen. Dort versucht man immer wieder Einschränkungen und Notwehrmaßnahmen gegen die LKW-Lawine. Völlig außerhalb des Fokus der Verkehrspolitik ist der ländliche Raum im Hinblick auf das untergeordnete Straßennetz, also Bundes- und Landesstraßen. Hier gibt es zwar vereinzelte Maßnahmen wie Umfahrungen und Lärmschutz. Doch der Frage, warum der Lokalverkehr so exorbitant zunimmt, widmet sich die Politik nicht.

Im Gegenteil, viele politische Maßnahmen und gesetzliche Regelungen befördern den Lokalverkehr. Da ist einmal das Problem der Gemeindefinanzen. Was tun? Man versucht, die Kommunalsteuer zu vermehren, doch das geht nur mit der Ansiedlung von Gewerbebetrieben. Damit gemeint ist nicht der kleine Kaufmann, der selbst hinter der Theke steht, sondern Supermärkte, Textilketten und mittelständische Betriebe. Das Ergebnis kann man mit freiem Auge erkennen, wenn man durch die Lande fährt. Anstatt grüner Äcker und Wiesen gibt es an den Ortsrändern immer mehr Asphaltwüsten in Form von Geschäften mit riesigen Parkplätzen. Diese Einkaufsparadiese erreicht man nur mit dem Auto, denn sie sind zu weit von den Zentren entfernt. In den Bezirksstädten sterben seit Jahren die Geschäfte, es gibt kaum mehr Nahversorger. Wer also einen Brief aufgeben, ein Medikament besorgen oder einen Liter Milch kaufen will, muss ins Auto steigen. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es immer weniger, da diese nicht rentabel erscheinen. Das Ergebnis: Wer am Land lebt, braucht mindestens ein Auto, meistens zwei.

Radfahren oder zu Fuß gehen ist oft nicht nur wegen der zu langen Distanzen unmöglich, sondern oft auch lebensgefährlich. Anders als in der Stadt sind separate Fuß- oder Radwege entlang der Landstraßen eine Seltenheit. Also werden auch die Kinder und Jugendlichen überall hin kutschiert. Dazu kommt noch, dass viele Jobs nicht in unmittelbarer Nähe des Wohnorts sind. Also benützt man das Auto für den Weg zur Arbeit.

Kleinere Ortschaften neigen dazu, zu wuchern und sich immer mehr ins Umland zu verbreitern. Statt leer stehenden Häuser im Ortskern zu renovieren, baut man lieber das individuelle Eigenheim auf neu aufgeschlossenem Grünland. Ist ja auch verständlich, die alten Ortskerne liegen an der Hauptstraße – zu viel Verkehr, zu viel Lärm. Und so steigt man wiederum ins Auto, auch für den Lokalverkehr im Ortsgebiet.

Es wäre im Interesse der Bewohner des ländlichen Raums hoch an der Zeit, darüber nachzudenken, wie dieser gestaltet und rückgebaut werden kann, damit man auch dort auf das Auto verzichten kann. Wie wäre es mit einer fußgängerfreundlichen Gemeinde und einem fahrradfreundlichen Bezirk? Wie steht es mit der Attraktivierung des öffentlichen Verkehrs, nicht nur für Pendler, sondern auch für den Nahverkehr – Stichwort Gemeindebus? Wieso stoppt man nicht endlich den Wildwuchs an Einkaufs- und Gewerbezentren? Wieso ändert man nicht die Gemeindefinanzierung? Das Landschaftsbild und die Lebensqualität würden jedenfalls profitieren.