Laizismus ist kein Rezept gegen religiösen Fundamentalismus

12.06.2018

Leben Menschen ohne Religion friedlicher zusammen? Ist eine Gesellschaft ohne Religionen eine bessere Gesellschaft? Geschichte und Gegenwart sprechen nicht dafür.

In letzter Zeit werden angesichts (wieder) zunehmenden religiösen Fundamentalismus die Vorzüge des säkularen Staates beschworen. Dabei geht man gern weit zurück in die Geschichte, etwa zu den Kreuzzügen der Christen oder zur Gegenreformation, um zu belegen, welch schreckliche Folgen eine Vermischung von Religion und Politik hat. Der Bogen wird dann gespannt zum Islam heute und den unfassbaren Grausamkeiten des Islamischen Staates und der Jihadisten in aller Welt, vornehmlich im Nahen Osten. Ein anschauliches Beispiel, wenn auch nicht ganz so dramatisch, bietet derzeit auch die Türkei, die sich vom säkularen Prinzip des Kemal Atatürk immer mehr in eine islamisch-fundamentalistische Null-Toleranz-Diktatur entwickelt.

Dies alles verstärkt die Rufe, wonach in Europa auf eine striktere Trennung von Religion und Staat geachtet werden sollte. Diese Argumentation ist auf den ersten Blick nachvollziehbar und durchaus verständlich. Als Konsequenz wird eine vollständige Verdrängung alles Religiösen ins rein Private gefordert. Damit verbunden ist in Österreich etwa die Verbannung aller religiösen Symbole aus dem öffentlichen Raum, etwa den Kreuzen aus Schulen und Amtsstuben, und die Abschaffung des Religionsunterrichts. Es wird jedoch suggeriert, dass Religion und deren Einflussnahme auf Staat und Gesellschaft zwingend Intoleranz und Repression Andersdenkender und Andersgläubiger befördert.

Wir haben in Österreich bereits das Prinzip des Säkularismus, also der Loslösung der weltlichen Macht von religiösen Institutionen. Noch weiter geht der Laizismus, der von den Religionskritikern eigentlich gemeint ist. Dieser bestimmt, dass sich die Religionen und Kirchen nicht in die Angelegenheiten des Staates einmischen dürfen und schließt die Religionen aus allen Dingen aus, die sie nicht unmittelbar betreffen. Der Staat wiederum verhält sich weltanschaulich neutral, garantiert aber die Religionsfreiheit.

Doch wird mit der Verbannung der Religionen und aller religiösen Symbole ins Private automatisch alles besser und das Zusammenleben friedlicher?

Der Staat in Europa, der das Prinzip des Laizismus am striktesten umgesetzt hat – und das seit mehr als hundert Jahren – ist Frankreich. Dennoch ist es das Land in Europa, in dem die Kämpfe am heftigsten toben: Straßenschlachten, brennende Autos, Anschläge auf jüdische Geschäfte, Morde an Journalisten. Es sind muslimische Jugendliche, die den Aufstand gegen den laizistischen Staat proben. Natürlich spielen auch soziale und ethnische Fragen eine Rolle, doch im Kern sind sie religiös motiviert. Der Laizismus, so meinen Beobachter, wirke wie eine Decke, unter der die Probleme umso heftiger brodeln. Die Segregation werde befördert, weil religiöse Eltern ihre Kinder in konfessionelle Privatschulen geben. Ein Religionsunterricht etwa würde hingegen zum gegenseitigen Verständnis beitragen, weil man mehr über andere Religionen, deren Werte und Prinzipien erfahre.

In den kommunistischen Ländern wiederum wurde und wird Religion unterdrückt, werden Gläubige mitunter sogar verfolgt. Religion wird durch Ideologie ersetzt. Doch sind diese Länder friedlicher, toleranter und freier? Sicherlich nicht.

Religionen und deren Glaubenspraxis müssen immer wieder überprüft und auch von außen kritisch hinterfragt werden (dürfen). Religionen und Gläubige mit solider Basis halten das nicht nur aus, sondern tun dies ohnehin. Das bedeutet nicht, das man Glaubenssätze oder Grundwerte ganz einfach über Bord wirft, wenn sie unbequem oder unzeitgemäß erscheinen. Wenn man jedoch diese kritische Überprüfung nicht zulässt, führt das rasch zu Fundamentalismus, und dieser zu Radikalität, Intoleranz und Gewalt. Gewalt und Religion sind ein gefährliches Paar, das eigentlich nicht zusammengehört oder zusammengehören sollte. Mit rigidem Säkularismus oder Laizismus allein lässt sich diese Gefahr jedoch nicht abwenden.