Das Tablet als Instrument der Unbildung: Irrwege der Bildungspolitik

06.10.2017

Ein akuter Lehrermangel zeichnet sich ab. Derweil will die Bildungsministerin jährlich 220 Millionen in Tablets investieren.

Bildungsministerin Sonja Hammerschmidt ist eine ambitionierte Persönlichkeit. Ihr Ressort liefert einige Schlüsselthemen für den Wahlkampf der SPÖ. Frei nach deren Wahlkampfmotto sollen sich die Eltern die beste Bildung für ihre Kinder holen, denn diese stehe ihnen zu. Dagegen ist im Prinzip nichts zu sagen. Wenn etwa Hammerschmidt ankündigt, mehr Geld und Personal für sogenannte „Brennpunktschulen“ zur Verfügung zu stellen, so erfüllt sie damit einen dringenden Bedarf, den die Direktoren dieser Schulen schon seit Jahren einfordern. Damit soll verhindert werden, dass Jugendliche schlecht ausgebildet und ohne Perspektive bleiben.

Nicht zu Ende gedacht ist allerdings die Ankündigung, Schüler beginnend mit der Volksschule mit Tablets auszurüsten. Gleich 220 Millionen Euro jährlich soll der Steuerzahler da aufbringen. Es mag modern und fotogen wirken, wenn Taferklässler auf ihrem Tablet herumtippen. In der Praxis wird das aber nicht funktionieren, geschweige denn, dass die Kinder dadurch mehr lernen. Man stelle sich eine Gruppe von 25 Siebenjährigen vor: Bereits aktuell dauert es einige Zeit, bis alle das richtige Schulbuch auf der richtigen Seite aufgeschlagen haben und zu arbeiten beginnen. Wenn in Zukunft alle auf einem Tablet arbeiten sollen, wird dies noch viel länger dauern oder gar nicht möglich sein: Das eine Tablet ist nicht aufgeladen, das andere funktioniert nicht, das dritte fällt auf den Boden und ist kaputt. Alle, die mit Computern arbeiten, wissen, wie zeitraubend es ist, wenn etwas nicht funktioniert. Und das mal 25.

Dazu kommen weitere praktische Fragen: Dürfen die Kinder das Tablet mit nach Hause nehmen? Was ist, wenn sie es kaputt machen oder verlieren? Wer lädt die Akkus auf? Wer übernimmt das Service oder Update? Wie soll eine einzige Lehrerin während des Unterrichts das alles schaffen? In Summe wird weniger Zeit für den Unterricht bleiben. Somit lernen die Kinder durch die Tablets nicht mehr, sondern weniger. Den Umgang mit dieser Technik braucht man ihnen sicher nicht erst beizubringen, das können heute bereits Kindergartenkinder. Also wozu das ganze?

Insgesamt erhält man den Eindruck, dass die Form mittlerweile wesentlich wichtiger ist als der Inhalt. Was bringt es einem Pflichtschüler, wenn er zwar MS Office beherrscht, aber nicht richtig Deutsch, sowie lesen, schreiben und rechnen kann? Das sind nämlich die großen Baustellen in der Schule. Der Umgang mit neuen Medien gehört sicher heute zum ABC, aber in der Weise, dass Kinder den richtigen Umgang mit dem Computer lernen: Wie viel Zeit soll ich maximal damit verbringen? Worauf muss ich bei der Nutzung des Internets achten? Wie komme ich zu einer seriösen Information? Wie überprüfe ich Inhalte? Sieben- oder Achtjährige sind damit allerdings noch überfordert und sollten sich gar nicht im Internet umtun.

Zeitgleich zur Ankündigung des Füllhorns für elektronische Geräte gibt es ein immer akuter werdendes Personalproblem. Bereits jetzt ist der Betrieb nur noch durch den Einsatz von Studenten und Pensionisten aufrecht zu erhalten. Es braucht eine Strategie, wie die riesige Lücke durch die Pensionierungswelle in den nächsten Jahren gefüllt werden kann. Die Schwerpunktsetzung der Bildungsministerin lässt jedoch vermuten, dass ihr offenbar vorschwebt, den Lehrstoff statt von Lehrern zunehmend von Tablets zu vermitteln. Das ist natürlich Unsinn, das weiß Hammerschmidt wohl auch selbst. Aber genau dahin würde ihre Politik führen.

Dieser Fokus auf die Form, statt auf den Inhalt, spiegelt sich auch in den Bildungsstandards wider: Da erhebt das Bifie auf Teufel komm raus Daten und noch mehr Daten, die die Basis für die Bildungspolitik liefern. Bringt dieser Testwahn bessere Schüler hervor? Sicher nicht, die Tests sind ja nicht einmal aussagekräftig, wie jede Lehrerin und jeder Lehrer bestätigen wird. Besser, als sich nur mit Daten und Geräten zu beschäftigen wäre es, die wichtigsten Bildungsziele zu überdenken. Früher meinte man, die Kinder sollten nach der Volksschule gut lesen, schreiben und rechnen können. Heute sollen sie eine Vielzahl an „Kompetenzen“ erwerben, ein Wort, das Pädagogen, Eltern und Schüler schon nicht mehr hören können. Erwirbt ein Kind „Sprachkompetenz“, wenn es statt mit der Lehrerin zu sprechen im Unterricht auf sein Tablet starrt? Erwirbt es „soziale Kompetenz“, wenn es mit seinem Gerät kommuniziert statt gemeinsam mit dem Banknachbarn eine Aufgabe zu lösen? Wird es kreativ, wenn sein Gehirn bereits in der Volksschule auf MS Office genormt wird? Experten wie der prominente Hirnforscher Manfred Spitzer warnen eindringlich davor, Kinder zu früh und zu lange mit dem Computer zu konfrontieren. Künftig will die Schule Kinder dazu verpflichten, sich täglich stundenlang mit dem PC zu beschäftigen.

Eines steht für Pädagogen fest: Lerninhalte werden am besten von Menschen vermittelt, von gut ausgebildeten, engagierten Lehrerinnen und Lehrern. Darauf müsste also jede Bildungspolitik den Fokus legen, falls ihr an echter Bildung etwas liegt.