Türkenkriege, gefährlicher Imperialismus und kollektive Erinnerung

06.09.2017

In Mitteleuropa ist die Erinnerung an die Türkenkriege noch sehr lebendig. Ein „Sultan“ mit Expansionsgelüsten trifft daher einen sensiblen Punkt.

Im idyllischen Städtchen Purbach am Neusiedler See findet alljährlich im August das „Türkenfest“ statt. Dabei kommen allerdings nicht, wie man meinen könnten, türkische Migranten zusammen, sondern es wird in historischen Kostümen einem Ereignis vor mittlerweile 485 Jahren gedacht: Nach der ersten Türkenbelagerung Wiens 1529 zogen marodierende osmanische Soldaten durch die Lande. Ein Trupp gelangte nach Purbach, die Einwohner flohen und die Soldaten bedienten sich ausgiebig in den Weinkellern. Ein Soldat verschlief deshalb den Abzug seiner Kameraden und versteckte sich in seiner Angst vor den zurückkehrenden Bewohnern im Rauchfang eines Hauses. Er wurde dennoch entdeckt, aus seinem Versteck geräuchert und gefangen genommen. Die Purbacher Bürger beschlossen, ihn freizulassen, falls er zum Christentum konvertieren würde. Dies tat er, heiratete eine Purbacherin und wurde ein angesehener Bürger. Noch heute erinnert eine Steinbüste auf einem Rauchfang in Purbach an ihn.

Diese Episode ist nur ein Beispiel von vielen, wie stark vor allem im Osten Österreichs die Erinnerung an die Türkenkriege im 16. Und 17. Jahrhundert präsent ist. An Hauswänden und auf Gemälden finden sich viele Inschriften und Darstellungen, die an die erfolgreiche Abwehr der Eroberungsversuche durch das Osmanische Reich erinnern. Das imposanteste Denkmal für die Abwehr des Islam durch das Christentum ist die Wiener Karlskirche. Noch präsenter ist die Erinnerung in Ungarn, das Jahrhunderte lang Schauplatz der Kämpfe war und immer wieder unter osmanische Herrschaft geriet. Weitgehend vergessen ist hingegen, dass das Osmanische Reich ein wichtiger Verbündeter Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg war.

Der derzeitige türkische Präsident liebt es, mit Rückgriffen und Assoziationen an jene Zeit zu spielen und versucht, an die vergangene Größe des Osmanischen Reiches anzuknüpfen: So lässt er sich gerne „Sultan“ nennen und spricht immer wieder von der Rückeroberung der einst verlorenen Gebiete - und darüber hinaus. Der türkische Außenminister kündigte kürzlich an, man werde Europa auf jeden Fall erobern, ob blutig oder friedlich, sei noch nicht entschieden. In diesem Sinne ist der Aufruf an die Auslandstürken zu verstehen, möglichst viele Kinder zu bekommen, um auf diesem Weg eine Mehrheit zu erreichen.

Nun ist das auf den ersten Blick bloß das Spucken großer Töne, um den Landsleuten zu imponieren, Nationalismus zu schüren und von inneren Problemen abzulenken. Doch dieses Spiel ist auch gefährlich, denn es rührt an sensible Punkte in der gemeinsamen Geschichte. Einerseits können diese Großmachtgelüste, da die Türkei Nato-Mitglied ist, die westlichen Verbündeten rasch in ernste Probleme bringen. Andererseits untergräbt diese imperialistische Einstellung die Integration der türkischstämmigen Bürger in den westlichen Ländern, weil ihnen das Gefühl vermittelt wird, sie würden bald ohnehin den Laden übernehmen. Es wirft jene zurück, die sich durch Fleiß und Bildung in ihrer neuen Heimat eine Existenz aufgebaut und Wertschätzung erworben haben.

Auf der anderen Seite werden durch derartige Töne bei vielen Europäern alte Ressentiments und Vorbehalte geweckt. Es alarmiert, wenn der türkische Präsident die Wiedererrichtung des Osmanisches Reich anstrebt, so unrealistisch dies derzeit auch erscheinen mag. Die historische Erinnerung soll eine Erinnerung bleiben, dies gilt auch für die Polemik gegen die „Kreuzzügler“. Eine politische Instrumentalisierung alter Feindschaften ist höchst gefährlich und führt zu Misstrauen und Ablehnung auf beiden Seiten.

Übrigens: Die Purbacher haben sich kürzlich dazu entschlossen, ihr Türkenfest in „Historisches Kostümfest“ umzubenennen. Und ein Experte sprach in einer ORF-Dokumentation über den Wiener Stephansdom statt vom Türkenkrieg verklausuliert von einem „Ansturm aus Südosten“.