Leitkultur und „unsere Werte“: Worin soll man sich integrieren?

06.09.2017

Die massive Zuwanderung und die Forderung nach Integration legen offen, dass selbst in grundlegenden Fragen kein gemeinsames Wertefundament besteht.

In Österreich wurde nun also ein sogenanntes „Integrationsjahr“ eingeführt. Dabei sollen Neuankömmlinge aus anderen Kulturkreisen neben dem Erlernen der deutschen Sprache einen „Wertekurs“ absolvieren. Darin geht es vor allem um sozial erwünschtes Verhalten und die Vermittlung der Grundlagen unseres Rechtssystems. Doch reicht das aus? Sind mit Verhaltensregeln und Gesetzestreue wirklich „unsere Werte“ vermittelt?

Das führt rasch zu der Frage, was unsere Werte eigentlich sind? In Deutschland beruft man sich gerne auf das Grundgesetz, bei uns auf die europäische Menschenrechtskonvention. Doch auch das greift zu kurz. In diesem Zusammenhang ist eine Debatte um die „Leitkultur“ entflammt, die immer rasch im Nirvana des Unbestimmten und des Pluralismus endet.

Sieht man sich einzelne Themen an, stellt man fest, dass selbst bei grundlegenden Fragen die Ansichten, was denn der Wert dahinter sei, meilenweit auseinanderliegen. Deutlich wird das etwa beim Thema Lebensschutz. Juristisch wurde die heikle Frage durch die „Fristenlösung“ geregelt: Abtreibung ist grundsätzlich nicht erlaubt, aber unter bestimmten Bedingungen straffrei. Die Interpretation dieses Gesetzes ist jedoch sehr unterschiedlich. Die einen betonen, dass Abtreibung ein Recht der Frau sei, ein Akt der Selbstbestimmung unter dem Motto „Mein Bauch gehört mir“. Eine völlig andere Sicht haben die katholische Kirche und religiös lebende Menschen: Der Schutz des Lebens gelte von Anfang an, ausgehend von der Empfängnis, und sei höherwertiger als die Selbstbestimmung der Frau. Behindertenorganisationen wiederum stoßen sich an der Regelung, dass behinderte Kinder bis zur Geburt abgetrieben werden dürfen. Was ist nun „unser“ Wert?

Ähnlich divergierend sind die Ansichten beim Thema Familie, einem angeblich zentralen Wert der Gesellschaft. Für gläubige Menschen ist Familie ausschließlich eine Ehe von Mann und Frau und deren Kinder. Auch die Mehrheit der jungen Menschen sehnt sich nach Ehe und Familie, selbst wenn sie sie selbst nicht (er)leben. Rein rechtlich aber sind Teilfamilien, Wiederverheiratete, Alleinerzieherinnen, gleichgeschlechtliche Ehe und alle möglichen Formen der Patchworkfamilie ebenso „Familie“ und für viele Österreicher genauso wertvoll. Was vermitteln wir nun? Die Reihe der Beispiele ließe sich beliebig fortsetzen. Es ist offenkundig, dass für einen Christen oder Muslim aus Syrien nicht klar erkennbar ist, welche Wertvorstellung in Österreich in Bezug auf so wesentliche Fragen verbindlich ist.

In den neunziger Jahren gab es eine Dokumentation mit dem Titel „Das Fest des Huhns“. Darin erforscht ein Wissenschaftlerteam aus Zentralafrika das Land Oberösterreich und seine Kultur. Nach ihrer Forschungsreise kommen sie zum Schluss, dass man hier einem Kult des Huhns huldige. Sie entdeckten Hühner auf Türmen (Wetterhähne), in Kirchen (Tauben) und als Höhepunkt ein Zeltfest, bei dem massenhaft Hühner verzehrt und ein „Hühnertanz“ getanzt wurde. Diese Parodie macht deutlich, dass wesentliche Elemente unserer Kultur für Angehörige anderer Kulturen nicht erkennbar sind. Wie sollen sie etwa erkennen, dass die Christen in Kürze die Auferstehung ihres Erlösers feiern, wenn sie überall mit Massen an Hasen und Eiern konfrontiert sind? Gleiches gilt für das Weihnachtsfest, das als ein Fest des Punschtrinkens und Geschenke-Kaufens erscheint.

Das christliche Fundament Europas ist hohl geworden. Gesetze allein können Werte nicht ersetzen. Die bekennenden Christen sind auf dem Weg, eine Minderheit zu werden, weil sich immer mehr von der Religion und ihren Werten abwenden. An ihre Stelle treten Pluralismus und Beliebigkeit. Wie können wir da erwarten, dass Migranten und Flüchtlinge „unsere Werte“ übernehmen? Es ist hoch an der Zeit, intensiv darüber nachzudenken, was uns wirklich wichtig ist und welche Werte in Zukunft noch gelten sollen. Diese müssen stark und fest in unserer Gesellschaft verankert sein, sonst werden sie dem (An-)Sturm nicht standhalten.