Sexualpädagogik: Wenn „Missbrauchsprävention“ zu Verstörung führt

20.06.2017

Die Methoden der Sexualerziehung an Volksschulen alarmieren immer mehr Eltern. Doch die Verantwortlichen schauen weg und üben sich in Schönfärberei.

Im Frühjahr 2015 setzte die damalige Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek mit einem überfallsartigen Erlass neue Standards bei der Sexualerziehung an den Schulen. Propagiert wurde die „Sexualität der Vielfalt“, unter anderem mit dem Argument, Kinder würden besser gegen Missbrauch geschützt, wenn sie möglichst früh über Sexualität und alle ihre Formen Bescheid wüssten. Kritiker dieser Pädagogik wurden als reaktionär und verklemmt abgetan. Nun scheinen sich allerdings die Befürchtungen zu bewahrheiten.

So laufen derzeit in der Steiermark Eltern Sturm gegen die kürzlich bekannt gewordenen Methoden eines Vereins Namens „Liebenslust“, der Sexualaufklärung an Schulen betreibt. Dieser wurde von der steirischen SP-Landesrätin Ursula Lackner mit erheblichen Mitteln gefördert. Der Verein verteilt unter anderem „Sextaschen“ mit Genitalien aus Plüsch bereits an Kindergartenkinder. Die Angelegenheit sorgt in Medien und in der Landespolitik für großen Wirbel. Nun könnte man dies als Einzelfall und politisches Hick-Hack abtun, doch die Proteste mehren sich österreichweit.

In Vorarlberg etwa sind zwei Organisationen mit der Sexualpädagogik an den Schulen beauftragt, die für Workshops angefordert werden können: die liechtensteinische Stiftung „love.li“ und die Ehe- und Familienberatung der Diözese Feldkirch. Immer wieder kommen Kinder nach dem Workshop völlig verstört nach Hause: So wurden Kinder in der vierten Klasse Volksschule (!) dazu animiert, an Holzpenissen den Umgang mit Kondomen zu üben. In einem anderen Fall wurden Neunjährigen abartige Sexualpraktiken erklärt und erzählt, wie Oralverkehr „schmeckt“. Die Kinder wurden dazu angehalten, mit niemandem außer mit ihren Eltern über die Inhalte des Unterrichts zu sprechen, die Lehrerinnen durften nicht anwesend sein.

Im Herbst vorigen Jahres wandten sich alarmierte Eltern – unter ihnen ein Ärzteehepaar, dem an Aufklärung viel gelegen ist – an Bischof Benno Elbs und informierten ihn über die verstörenden Unterrichtsinhalte und -methoden seiner diözesanen Mitarbeiter. Als einzige Folge gab es ein Gespräch mit der Projektleitung, die argumentierte, die Eltern könnten ja ihr Kind zu Hause lassen (obwohl es sich um Unterrichtszeit handelt). Außerdem würde den Kindern angeboten, die Klasse verlassen zu können, falls es ihnen „zu viel“ würde. Auf die Frage, ob dies schon vorgekommen sei, meinte man: Ja, bei Kindern „mit Missbrauchserfahrung“. Der Sekretär des Bischofs argumentierte auf eine Bitte um Stellungnahme, bisher habe es „nur positive Rückmeldungen“ gegeben. Konsequenzen wurden bis dato keine gezogen. Die Vorarlberger Landesregierung scheint von der Qualität ihres Vereins ebenfalls überzeugt zu sein, wie aus einem Brief an andere besorgte Eltern hervorgeht.

Tonangebend in der Ausbildung ist fast überall in Österreich das „Institut für Sexualpädagogik“ (ISP) in Dortmund. Dessen Mitgründer und Vorstand Uwe Sielert vertritt eine in Deutschland und der Schweiz höchst umstrittene Sexualpädagogik. Sein Lehrer und „väterlicher Freund“ war der mittlerweile geächtete Helmut Kentler, der in den siebziger Jahren obdachlose Jugendliche bewusst bei vorbestraften Päderasten unterbringen ließ, die sie dann missbrauchten. Das ISP und Sielert berufen sich noch heute auf Kentler.

Das Leugnen der Vorfälle und Schönreden hilft den betroffenen Kindern nicht. Es ist fahrlässig, wenn sich sowohl die Trägerorganisationen als auch die Schulbehörde und die Politik aus der Verantwortung nehmen und nicht hinschauen, was in den Klassenzimmern tatsächlich passiert. Hier finden oft klare Grenzüberschreitungen statt, die selbst schon an Missbrauch grenzen. Respektvolle, altersgerechte, sensible Sexualpädagogik und Missbrauchsprävention sehen jedenfalls anders aus. Das Grundübel liegt im Erlass selbst, der sich auf eine verfehlte Pädagogik stützt. Außerdem wäre es dringend nötig, andere Partner für die Ausbildung der Lehrer und externen Pädagogen zu suchen und den dominierenden Einfluss des ISP zu kappen.