Ein Brief aus Havanna: Alltag im realen Sozialismus Kubas

12.12.2016

Was anlässlich des Todes von Fidel Castro über ihn und Kuba berichtet wurde, stimmt mit der Realität nicht überein und ist pure Propaganda.

Als man die Berichte in österreichischen Medien anlässlich des Todes von Fidel Castro hörte, las oder sah, bezweifelte man in einem Land zu leben, in dem Pressefreiheit herrscht und wo man kritischen Journalismus pflegt. So brachte etwa das Ö1 Mittagsjournal eine Reportage über den Leichenzug des „Massimo Leader“ durch das Land, das er jahrzehntelang prägte. Überall Jubel, alle interviewten Kubaner auf den Straßen überschlugen sich in begeisterten Schilderungen über Castros Person und seine Politik. Er habe, so sagte ein Mann, durch Fidel gelernt, bescheiden zu leben. Nun, in einem Land, das Regimegegner verfolgt, ist nicht zu erwarten, dass sich jemand gegenüber westlichen Journalisten kritisch äußert. Bloß diesen Zusatz vermisste man in dem Bericht, so wie in vielen anderen auch. Man vermisste überhaupt jegliche Kritik an Castro und seiner Politik. Ein prominenter Auslandskorrespondent twitterte eine Huldigungsadresse an Castro.

Da fiel mir ein Brief ein, den mir eine Freundin, die einen Kubaner geheiratet hatte, von ihrer Hochzeitsreise im Jahr 2012 nach Havanna geschrieben hatte. Die Familie ihres Mannes war aus Kuba ins Exil gegangen, hatte die Not und die Unterdrückung nicht mehr ertragen. Nur der Vater war geblieben und fristet sein Dasein als Taxifahrer. Sie schildert darin ihre Eindrücke aus einem Land fernab der touristischen Exklaven, aus dem Alltag der Einheimischen:

„Wir hatten in Kuba eine schöne, lehrreiche Hochzeitsreise. Wir haben im Elternhaus meines Mannes gewohnt, einem Miniappartment im Zentrum von Havanna, und 15 Tage lang Reis mit schwarzen Bohnen gegessen. Salat, Tomaten, Joghurt, Karotten, Pasta, Olivenöl, Käse, Gemüse und all das, was gut schmeckt, waren nur schöne Erinnerungen, aber in Havanna nicht auffindbar. Nicht einmal Klopapier gab es. Doch wir hatten auf einmal ganz viel Zeit! Kein Fernsehen (außer russischen Kriegsfilmen auf DVD), kein Internet (das gibt es nur in Touristenhotels), Handy unbenützbar (kein Netz), Presse unlesbar (nur Propaganda), Buchhandlungen ebenso. Wir hatten Geld in der Tasche und konnten nichts darum kaufen.

Auf unseren Spaziergängen durch die zerfallende Stadt habe ich nicht gewusst, ob ich zuerst nach oben oder nach unten schauen soll: Nach oben, ob nicht ein Mauerteil oder ein Balkon herunterfällt, oder nach unten, damit ich nicht in ein Loch in der Straße oder im Gehsteig falle.

Die Menschen hier haben keine Lebensqualität, man kann ihnen nichts Schönes schenken, ihnen nichts kaufen, weil es nichts gibt. Nur das Gefühl der Machtlosigkeit. Mit diesem Gefühl sind wir berührt von Havanna wieder abgeflogen. Wir haben intelligente, gebildete, begabte, erfindungsreiche, humorvolle, fröhliche und starke Lebenskünstler kennengelernt und ihrem schwarzen Schicksal überlassen. Das Positive daran ist, dass sie es selbst nicht wissen, wie schwer sie es haben, da sie nichts anderes kennen.“

Castro hat seinem Volk den Verzicht gründlich gelehrt! Dass Menschen in Kuba, die durch jahrzehntelange Propaganda gehirngewaschen wurden, unkritisch sind, ist verständlich. Dass westliche Journalisten, deren Beruf es ist, kritisch hinterfragend und ausgewogen zu berichten, dieser Propaganda ebenfalls auf dem Leim gehen, ist jedoch alarmierend. Ein Diktator, der Andersdenkende einsperren, die freie Meinungsäußerung und Meinungsbildung massiv unterdrücken ließ, der seinem Volk das Lebensnotwendigste vorenthielt, während er selbst in sagenhaftem Luxus lebte, hat es nicht verdient, von westlichen Medien geehrt und verklärt zu werden. Und es darf auch keine Rolle spielen, im Namen welcher Ideologie er die Menschen unterdrückt hat, denn in der Lebensrealität der Menschen ist es unerheblich, ob sie im Namen einer linken oder einer rechten Ideologie darben oder der Freiheit beraubt sind. Der Maßstab der Missachtung der Menschenrechte und der Menschenwürde gilt für alle Despoten. Fidel Castro war einer von ihnen.