Geeignete Lehrlinge wachsen nicht auf Bäumen, sondern in Familien

14.03.2016

Die Wirtschaft klagt über „unbrauchbare“ Bewerber für Lehrstellen, tut aber wenig dazu, ihre Heranbildung in den Familien zu unterstützen.

Regelmäßig vernimmt man die Klage von Unternehmern, die Lehrlinge suchen: Die Bewerber seien großteils ungeeignet, es fehle ihnen an Grundkenntnissen in Mathematik, Deutsch und Rechtschreibung. Auch wüssten sie sich nicht zu benehmen, seien wenig motiviert und es mangle an Disziplin, Respekt und sonst noch allerlei, was im Berufsleben unabdingbar sei. Auf die Frage, von wem sie erwarten, dass er hier Abhilfe schaffe, hört man oft die Antwort: „Vom Staat“ oder „von der Schule“. Nun ist es zweifellos so, dass es Aufgabe der Schule ist, den Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Allerdings benötigt sie hier die Unterstützung des Elternhauses, denn wenn sich zu Hause niemand um den Lernfortschritt kümmert, sind die Lehrer chancenlos.

Für die Erziehung allerdings ist weder die Schule und schon gar nicht „der Staat“ zuständig. Wie soll ein Lehrer oder eine Lehrerin in wenigen Stunden am Tag einer ganzen Klasse Disziplin, Höflichkeit, Achtung vor dem Anderen, Leistungswillen, Zuverlässigkeit   - und was sonst noch alles einen vielversprechenden Mitarbeiter ausmacht -beibringen? Viele Lehrer klagen, die Eltern würden zunehmend von ihnen neben der Bildungs- auch die Erziehungsarbeit verlangen, und das sei nicht zu schaffen.

Die Erziehung ihrer Kinder ist nicht nur die Pflicht, sondern auch das Recht der Eltern. Dies wurde in den vergangenen Monaten beim Streit um die Sexualerziehung an den Schulen wieder einmal besonders deutlich. Doch um Kinder zu erziehen braucht es Eltern, die präsent sind, was heute nicht mehr selbstverständlich ist. Geschiedene Ehen, durch Beruf oder Scheidung abwesende Väter und/oder Mütter, Patchworkfamilien, überforderte Alleinerzieherinnen – all das erschwert eine konsequente und wirksame Erziehungsarbeit.

Ja, Erziehung ist Arbeit, bloß wird sie als solche nicht anerkannt, sondern im Gegenteil oft massiv erschwert. Es bleibt ganztägig berufstätigen Eltern oft einfach nicht genug Zeit, sich um ihre Kinder zu kümmern. Und wenn sie zu Hause sind, sind sie oft zu erschöpft, sich noch mit Erziehungsfragen und Hausaufgaben herumzuschlagen. In der Praxis haben viele Familien eine für sie praktikable Lösung gefunden, indem ein Elternteil Teilzeit arbeitet, bis die Kinder aus dem Gröbsten heraus sind. Dies wird nicht nur von vielen Frauenpolitikerinnen und Gewerkschaftern, die dadurch Frauen existenziell bedroht sehen, sondern auch von vielen Unternehmern als Katastrophe angesehen. Wie soll man das organisieren? Wie können Kinder wichtiger sein als die Firma? Nicht ständig verfügbar zu sein, wird nicht akzeptiert.

Österreich ist bei den Überstunden im europäischen Spitzenfeld, bei Frauen sind die Überstunden binnen zehn Jahren sogar gestiegen, teilweise unbezahlt. Zeit, die für Familie und Erziehung fehlt. Gleichzeitig werden im Schnitt derart niedrige Löhne und Gehälter bezahlt, dass beide Ehepartner für den Lebensunterhalt arbeiten müssen. Vor einer Generation achteten Arbeitgeber und Politik darauf, dass Männer genug verdienten, um eine Familie erhalten zu können. Das ist vorbei.

Für die Wirtschaft ist Erziehung kein Wert im Sinne einer Wertschöpfung, denn die Wirtschaftsleistung eines Landes wird am BIP gemessen, also an jenen Produkten und Dienstleistungen, die am Markt angeboten werden. Darin trifft sie sich mit den Individualisten, die Kinder und deren Erziehung als reines „Privatvergnügen“ definieren. Beide Haltungen haben dazu geführt, dass Familien massiv diskriminiert und Erziehungsarbeit nicht wertgeschätzt werden. Kindererziehung ist jedoch neben der Freude, die Eltern mit ihren Kindern erleben, auch eine Aufgabe für das Gemeinwohl und eine Vorleistung für die Wirtschaft. Eltern haben viel Zeit und Geld in das „Humankapital“ Kind investiert, auf dem die Wirtschaft aufbauen kann. Deshalb ist es deren Verpflichtung, Familien in ihrer Entfaltung zu unterstützen und dazu Rahmenbedingungen zu schaffen. Es ist eine Investition, die sich garantiert lohnt!