Der frustrierte Student an der Gratis-Massenuniversität

09.02.2016

Angesichts des Ansturms und der schlechten Studienbedingungen sollten die Zugangsbedingungen überdacht werden.

Wer erinnert sich noch an die zahlreichen Demos von Studenten und Professoren gegen die Reformen von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer? Am meisten regte dabei das Thema Studiengebühren auf: Diese seien „unsozial“ und würden Kinder aus ärmeren Schichten am Studium hindern, so das wichtigste Argument damals. Gehrer lenkte ein. Dabei ging es um einen Betrag von 363 Euro pro Semester. Zehn Jahre später kann man Bilanz ziehen: Dieses Argument ist nachweislich falsch. Der Anteil an Studenten an den heimischen Unis aus „ärmeren“ Schichten ist stark gesunken. An den Fachhochschulen wiederum stieg deren Anteil, obwohl dort Studiengebühren verlangt werden.

Eine weitere Forderung betraf den Uni-Zugang, dieser dürfe in keinerlei Hinsicht eingeschränkt werden. Dieses Argument ist mittlerweile aufgrund des Massenansturms Makulatur. Bei einer Vielzahl von Studien gibt es mittlerweile Aufnahmetests und andere Beschränkungen. Am meisten getroffen hat die Universitäten dabei allerdings die Aufhebung der Zugangsbeschränkungen für ausländische Studenten. 2005 beschied der Europäische Gerichtshof, dass Österreicher nicht mehr gegenüber anderen EU-Bürgern beim Studienzugang bevorzugt werden dürfen. Österreich setzte zwar in bestimmten Fächern, wie etwa Medizin, eine 75%-Quote für Inländer durch. Diese gilt jedoch nur mehr bis Ende dieses Jahres, bis zum Sommer muss die Regelung schlüssig begründet werden, sonst fällt sie wieder.

Dass es sich dabei nicht um ein Randproblem handelt, zeigen allein die Zahlen: Im Schnitt stammt ein Drittel der Studenten an österreichischen Unis aus dem Ausland, am Mozarteum in Salzburg und an der Med Uni Innsbruck sind es gar 64 bzw. 50 Prozent. Das ist ein internationaler Spitzenwert. Allerdings ist dies weder für die Unis noch für den Steuerzahler ein Grund zum Jubeln – im Gegenteil. Die meisten davon verlassen das Land nach Abschluss ihres Studiums nämlich wieder. Wir investieren also enorme Summen in junge Menschen, die ihr Wissen dann anderen Ländern zur Verfügung stellen. Viele von ihnen hatten nie vor, in Österreich zu bleiben, anderen wird es aufgrund absurder bürokratischer Hürden verwehrt, hier zu arbeiten. Die Sorge damals, dass die Gleichstellung der Ausländer viele „Numerus clausus-Flüchtlinge“ aus Deutschland anziehen würde, war mehr als berechtigt. Ihre Zahl vervierfachte sich nach dem EuGH-Urteil. Wir bekommen aber nicht die besten Köpfe, sondern jene, die aufgrund mangelnder Leistungen in ihrem Herkunftsland keinen Studienplatz erhalten.

Die Entwicklung zur Massenuniversität hat Qualitätsmängel verstärkt, worunter sowohl Studenten als auch Lehrende leiden. Es ist für Wissenschaftler frustrierend, statt angeregtem Austausch mit Studenten nur noch Multiple-Choice-Prüfungen durchführen zu können. Die Zeit für Forschung wird immer knapper zugunsten von Massenveranstaltungen. Dass die fähigsten Köpfe bei diesem Arbeitsalltag abwandern, ist logisch. Außerdem bietet ihnen das starre System zu wenige Chancen für Karrieren an den Unis, außerordentliche Leistungen werden zu selten belohnt. Für die Studenten wiederum bedeutet das Studium zermürbendes Gerangel: Um einen Sitzplatz im überfüllten Hörsaal, um einen Prüfungstermin, um einen Seminar- oder Übungsplatz. Das Studium ist oft sehr verschult, es besteht kaum Gestaltungsspielraum, und ein Abschluss in der Regelstudienzeit ist kaum möglich.

Der völlig freie Uni-Zugang hat also nicht Chancengleichheit geschaffen, sondern die Bedingungen verschlechtert und soziale Schieflagen verstärkt. Da wäre es fairer, relativ hohe Studiengebühren von allen zu verlangen und im Gegenzug für Österreicher großzügigere Stipendien einzuführen. Im Gegenzug wäre ein Studium rascher abzuschließen, sowie mit deutlich besserer Betreuung und Qualität anzubieten. Viel Zeit bleibt nicht mehr. Es ist daher dringend geboten, ideologische Scheuklappen und Reflexe abzulegen und eine Neuausrichtung zu diskutieren und umzusetzen.