Vor siebzig Jahren: Flüchtlingsmassen und Elend in Österreich

02.09.2015

Österreich hat schon mehrmals große Flüchtlingswellen erlebt, die größte nach dem Zweiten Weltkrieg – mit riesigen Problemen und Ressentiments. Kein Vergleich zu heute.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs brachte für Österreich eine wahre „Völkerwanderung“ mit sich. Soldaten, Vertriebene, befreite KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und viele andere Menschen, die die Kriegswirren umher wirbelten. Die Zahlen sind heute unvorstellbar: 1,2 Millionen Soldaten der Deutschen Wehrmacht hatten auf österreichischem Boden kapituliert und wurden gefangen genommen; Eine Million Soldaten der Alliierten kamen nach Österreich; 600.000 Zwangsarbeiter und Häftlinge wurden befreit; Hunderttausende Flüchtlinge aus Ost- und Südeuropa strömten ins Land, den größten Anteil machten die Sudetendeutschen aus. Alle diese Menschen musste Österreich, das nicht einmal in der Lage war, die angestammte Bevölkerung ausreichend zu ernähren, unterbringen und verpflegen.

Neben Mitgefühl und Verständnis für die Flüchtlinge und Gestrandeten herrschten auch Ablehnung und Wut. Und dies nicht nur in der betroffenen Bevölkerung, sondern auch in Regierungskreisen. So schrieb etwa der Bundeskanzler der Provisorischen Staatsregierung, der Sozialdemokrat Karl Renner, einen Protestbrief an die tschechoslowakische Regierung. Anlass war die Vertreibung der Sudentendeutschen. Darin kritisierte er nicht die völkerrechtswidrige und grausame Vertreibung an sich, sondern er beklagte den „unfreiwilligen Einbruch von mehr als hunderttausend zu Bettlern gewordenen fremden Staatsbürgern in unserem Land“. Den Begriff „Bettler“ verwendete er in dem Schreiben mehrmals. Er äußerte die Angst vor Epidemien und führte die Lebensmittelknappheit in Österreich ins Treffen. Renner forderte von der Regierung in Prag, für die Kosten, die die Flüchtlinge in Österreich verursachten, aufzukommen. Ansonsten sehe sich Österreich gezwungen, diese Personen auszuweisen. Die tschechoslowakische Regierung antwortete nicht auf diesen Brief.

Renners Standpunkt ist recht typisch für die Zeit, in der die Lage wahrlich dramatisch war. Ab August 1945 spitzte sich in Linz die Lage besonders zu. Zu den etwa 600.000 Flüchtlingen, die sich zu Kriegsende bereits im Gebiet südlich der Donau befanden, kamen noch jene, die vor der russischen Besatzung im Mühlviertel flohen, das zuerst den Amerikanern zugeschlagen worden war. In Linz, das durch Bombenangriffe schwer gezeichnet war, wurden riesige Barackenlager errichtet. Bald war jedes zehnte Wohngebäude der Stadt eine Lagerbaracke. Die Lage war dermaßen angespannt, dass die amerikanische Militärbehörde ein Zuzugsverbot für Linz aussprach, das noch jahrelang in Kraft blieb. Für die jüdischen Flüchtlinge, viele von ihnen schwer traumatisierte Überlebende der KZ, wurden eigene Wohnblocks errichtet, die speziell bewacht werden mussten, weil man antisemitische Übergriffe fürchtete. Wie in einem Ghetto mussten die Menschen darin ausharren, bis 1948 durch die Gründung des Staates Israel eine legale Ausreise möglich wurde.

Erzürnt war die ortsansässige Bevölkerung aber nicht nur gegen „Fremde“, sondern auch, wenn sie wegen der Einquartierung der „Wiener“, also der vor den Russen geflüchteten Menschen aus Ostösterreich, zusammenrücken musste. Der damalige Linzer Bürgermeister Ernst Koref schildert eine derartige Einquartierung: „Die Leute weigerten sich“, berichtet er, „aber schließlich gelang es uns, die aufs höchste erregten Menschen zu beruhigen.“ Die Ausquartierten wurden in eiligst requirierten Gasthöfen, Schulen und improvisierten Unterkünften einquartiert.

In den Lagern herrschten schreckliche Zustände: Aufgrund der mangelnden Hygiene gab es Wanzen, Kopfläuse, es wüteten Epidemien wie Typhus, Ruhr, Tuberkulose und Diphterie. Kriminalität, Vergewaltigungen, ja sogar Mord standen auf der Tagesordnung. Die Militärpolizei der Alliierten hatte alle Hände voll zu tun, um die Lage halbwegs unter Kontrolle zu halten. Die Kinder aus den Lagern gingen in Linz zur Schule, die Eltern der ortsansässigen Kinder fürchteten die Ansteckung. Man mied das „Gesindel“ in den Lagern, obwohl dort vorwiegend unverschuldet in Not Geratene hausen mussten. Es dauerte Jahre, bis sich die Lager leerten, die Menschen weiterzogen oder in Österreich eine neue Heimat fanden und sich hier niederließen.